Im ersten Stock des Klinikums Osnabrück sitzt eine junge Frau aus den Niederlanden, hoch aufgeschossen, blonde Locken, schmales Gesicht. Sie ist blass, harte Wochen liegen hinter ihr. Einige Meter entfernt schläft in einem Brutkasten ihr Sohn Jonathan, der zu früh auf die Welt gekommen ist. Geräte im Intensivzimmer der Neonatologie, der Neugeborenenmedizin, überwachen seine Vitalzeichen, er wird beatmet. "Sein Zustand ist überraschend gut", sagen die Ärzte. "Er lebt, das ist die Hauptsache", sagen seine Eltern Dianne und Gilbert Verhoef.

Seines Lebens wegen flohen die beiden Niederländer während der Schwangerschaft nach Deutschland, denn manchmal sind es nur Tage oder Kilometer, die über Leben und Tod entscheiden. Jonathan Verhoef ist ein Flüchtling in utero. In den Niederlanden hätte er vielleicht nicht überlebt, zumindest stünden seine Chancen dort schlechter. Denn in einem Europa, das sich fortwährend vereinigt, herrscht Uneinigkeit, wenn es um das Leben geht.

Ab wann helfen Ärzte einem Frühgeborenen intensivmedizinisch, lautet die Frage. Oder anders: Nach wie vielen Schwangerschaftswochen ist ein Kind lebensfähig und sein Leben lebenswert? Eine medizinische, ebenso eine ethische Frage, die mitunter auch eine ökonomische Komponente hat.

Gewöhnlich dauert eine Schwangerschaft 40 Wochen. Bei einer Geburt nach der 24. Woche sollen die Ärzte alles nur Mögliche für das Leben des Säuglings tun, besagt eine Leitlinie der wichtigsten Gesellschaften von Gynäkologen und Kinderärzten in Deutschland. Der Zeitraum Schwangerschaftswoche 22 bis 24 ist eine Grauzone – Intensivmedizin kann, muss aber nicht angewendet werden. In den Niederlanden setzt die Intensivmedizin ab der 25. Schwangerschaftswoche ein, selten und nur in wenigen Kliniken früher.

Dianne Verhoef feiert in ihrer Heimat Rijssen ihren 26. Geburtstag, als sie ein vorzeitiger Blasensprung ereilt. Sie ist in der Schwangerschaftswoche 18+6 (18 Wochen und 6 Tage), bei einer Geburt würde ihr Kind sterben. Nach drei Tagen im Krankenhaus in Almelo wird Dianne Verhoef entlassen. Ein Arzt klärt sie über Risiken auf. Er macht ihr wenig Hoffnung und thematisiert einen Abort.

Neun Tage nach dem Blasensprung klagt Dianne Verhoef über einen unruhigen Bauch und vermutet, dass Wehen einsetzen. Sie weiß, dass ihr Kind zu diesem Zeitpunkt, Schwangerschaftswoche 20+1, nicht überleben kann. Die Lunge des Fetus ist nicht weit genug ausgereift, eine Beatmung nach der Geburt somit unmöglich. Dianne Verhoef erfährt, dass sie im niederländischen Perinatalzentrum Zwolle erst ab der 25. Schwangerschaftswoche aufgenommen und dann eventuell behandelt wird. Vorher wird ihrem Kind in den Niederlanden nicht intensivmedizinisch geholfen.

Die Verhoefs hören auch von einer Frau, die ihr Kind in ihren Armen nach der Geburt in der 24. Schwangerschaftswoche verloren hat, da die Ärzte im Perinatalzentrum nichts unternahmen. Gilbert und Dianne Verhoef wollen kämpfen. Für das Leben ihres Sohnes und um jeden Tag zusätzlicher Hoffnung.