Richard Wagner mochte das Kaspertheater. Mit selbst gebastelten Puppen führte er als Kind gern deftige Stücke auf. Wenn es überhaupt etwas gibt, das seine Nachkommen von ihm geerbt haben, dann ist es dieser Sinn für holzgeschnitzte Theatralik: Zehn Jahre lang haben Richards Enkel und Urenkel auf offener Bühne um das Erbe der Bayreuther Festspiele gezankt und sich unter schadenfroher Anteilnahme der Öffentlichkeit mit der großen Ratsche auf die markanten Wagner-Nasen gehauen. Am Anfang war die fränkische Familienburleske noch unterhaltsam, am Ende nur schwer zu ertragen. Und nun – endlich! – darf sich der Vorhang vor der Bayreuther Puppenkiste schließen. Der störrische alte Wagner-König Wolfgang, der die Festspiele 57 Jahre lang geleitet hat und partout nicht abtreten wollte, hat seinen Willen bekommen. Die jüngste Tochter Katharina folgt ihm gemeinsam mit der Halbschwester Eva auf den Thron. So hat es der Stiftungsrat der Festspiele zu Wochenbeginn erwartungsgemäß beschlossen. Höhnischer Schlussapplaus für die haarsträubenste Kulturdebatte der vergangenen Jahre!

Warum regt uns dieses Bayreuth eigentlich so auf? Was ist so bedeutend daran, wenn sich ein bizarr zerstrittener Familienclan um ein Opernfestival in der Provinz balgt, bei dem sechs Wochen lang im Sommer die immergleichen Werke eines einzigen Komponisten gespielt werden? Wer einmal im Bayreuther Festspielhaus erlebt hat, wie am Anfang von Rheingold aus dem magischen Nichts eine Welt in Tönen heraufzudämmern beginnt, versteht sofort, worauf der Mythos Bayreuth bis heute gründet: Ins Himmelhohe greift Richard Wagners Kunstanspruch aus. Anmaßend ist seine Idee, ein Theater ausschließlich für das eigene Werk zu bauen und es zu einer kunstreligiösen Pilgerstätte zu machen. Wie überzeitliche Weltorakel tönen die Wagneropern am Grünen Hügel. Man kann der Magie der Bayreuther Festspiele verfallen oder sich über ihren Wahn empören, gleichgültig lassen sie nicht. Auch weil sich in ihnen wie an kaum einem anderen Ort deutscher Zeitgeist und deutscher Ungeist spiegeln. Alles findet sich wie unter einem Vergrößerungsglas abgebildet – das nationalistische Eiferertum der zwanziger Jahre, die Auftritte Adolf Hitlers, des geliebten Hausfreunds der Wagners, das anschließende Verdrängen der Nazivergangenheit im Aufbruch von Neu-Bayreuth, die verspätete 68er-Revolte in der Chéreau-Inszenierung des Rings, der Designer-Schick der Postmoderne.

In der Spätphase von Wolfgang Wagners überlanger Intendantenära haben die Festspiele allerdings den künstlerischen Anschluss verpasst. Seit Jahren klappert der Stückereigen wie ein altersschwaches Karussell vor sich hin. Die Qualität von Sängern und Dirigenten lässt zu wünschen übrig, orientierungslos wirken auch die Versuche, die Festspiele mit provokativen Regisseursverpflichtungen aus ihrer Agonie zu befreien.

Führen Katharina und Eva Bayreuth nun wieder in eine glanzvolle Zukunft? Ihr "Konzept" macht wenig Hoffnung, dass sich Entscheidendes ändert. Am traditionellen Repertoire wollen sie eisern festhalten und die Spielplanstrukturen beibehalten. Sie folgen der alten Intendantenregel: Wenn dir gar nichts einfällt, gründe eine Akademie. Mit ihrer Idee, Wagner für Kinder zu spielen, begeben sie sich auf einen Nebenschauplatz, denn Nachwuchssorgen sind das Letzte, woran die zehnfach überbuchten Festspiele kranken. Und ihre Ankündigung, Bayreuth solle wieder "Inbegriff und Maßstab" für die Deutung von Wagners Opern werden, hat ungefähr so viel Aussagekraft wie das Versprechen eines neu verpflichteten Fußballtrainers, seine Abstiegsmannschaft werde nun wieder siegen.

"Keine Experimente" heißt die konservative Devise der beiden neuen Festspielleiterinnen. Der bayerischen CSU, die sich im Wahlkampf befindet, passt sie besser ins Programm als der Reformschwung, für den die vom Stiftungsrat geschmähten Nike Wagner und Gerard Mortier gestanden hätten. Die beiden haben mit ihrer aussichtslosen Kandidatur immerhin deutlich werden lassen, dass die Bayreuther Zukunft mit einem gründlichen Nachdenken über die Stücke beginnen müsste. Dramaturgie aber ist am Grünen Hügel seit langer Zeit ein Fremdwort.