Die Abrechnung mit Platon findet zwei Meter über dem fein gepflasterten Boden der Säulenhalle statt. Dort ließ Diogenes von Oinoanda sein Verdikt gegen den Heros der abendländischen Philosophie in Stein hauen: Platon sei zu loben, weil er die Welt als erschaffen ansehe. Zugleich sei er jedoch zu tadeln, weil er daraus nicht die Konsequenz ziehe, dass sie auch wieder untergehen werde; für Platon war die Welt unvergänglich.

Ein philosophischer Disput in elf Zeilen – "eine bemerkenswerte, sehr kondensierte Leistung", sagt Jürgen Hammerstaedt, Philologie-Professor an der Universität Köln. Die Platon-Schelte ist der überragende Fund dieses Jahres in Oinoanda. Neben der Kritik ließ Diogenes rund 25000 weitere Buchstaben in die Mauer meißeln und schuf damit die größte antike Inschrift – vermutlich vier Meter hoch und 80 Meter breit.

Der Weg nach Oinoanda ist steil, steinig und von stacheligem Gestrüpp überwuchert. Jeden Morgen im Juli stiegen Epigrafiker, Archäologen, Vermessungstechniker und IT-Experten aus dem Dorf Incealiler hinauf zur antiken Ruinenstätte in der rauhen Bergwelt Lykiens an der Südküste der Türkei. Das schwere Gepäck schulterte Helmut, der Esel des Grabungswächters Sedat.

In 1400 Meter Höhe treten die Wissenschaftler in eine verwunschene Welt: Zwischen sturmzerzaustem Kieferngewächs tauchen antike Mauern auf; marmorne Säulentrommeln und Statuenpodeste sind dazwischen verstreut, in den Ritzen der gut erhaltenen Marktplatzpflasterung sprießen winzige Blüten. Und überall liegen Steine, von faustgroß bis tonnenschwer, wie hingeworfen von einem trotzigen Riesenbaby.

Die Spiele von Oinoanda waren für die Region so wichtig wie die in Olympia

Durch diesen Stein-und-Baum-Dschungel führt Martin Bachmann mit großer Sicherheit: Da ist das Theater, dort die Badeanstalt, da drüben die Agora (Marktplatz); hier steigen wir über die römische Mauer, das da sind die Überreste der Stoa (Säulenhalle) auf der weitläufigen Esplanade. Noch ein Stück höher den Berg hinauf thronte die Akropolis. Der stellvertretende Direktor der Abteilung Istanbul des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) erkennt noch architektonische Strukturen, wo der Laie auch mit viel Fantasie nur Steinhaufen sieht.

Erste Siedlungsspuren gehen bis ins 3. Jahrtausend vor Christus zurück, in hethitischen Quellen des 2. Jahrtausends wird Oinoanda erwähnt. Groß und einflussreich wurde die Stadt spätestens im Hellenismus vom 4. Jahrhundert vor Christus an. Vermutlich wurde sie dabei auch so reich, dass sie sich durch eine mächtige Mauer schützen musste. Ein erstaunlich gut erhaltenes Teilstück mit einem imposanten Tor steht noch heute fünf Meter hoch zwischen den Kiefern. Mit der Eroberung Kleinasiens übernahmen die Römer auch Lykien. Oinoanda, so meint der Bauforscher Bachmann, konnte dabei seine dominierende Stellung in die neue Zeit retten.