Wie beginnt das Leben? Mit stumpfem Lärm gleich hinter dem Geburtskanal. Knapp neun Minuten hämmern uns in Ab Initio Umweltfetzen, Bässe und Schlagzeug um die Ohren. Wie geht das Leben weiter? Ereignislos. Ad Interim dauert eine Minute und ist ein Nichts an Tönen, ein komplett musikfreier Track. Und wie hört das Leben auf? Blubbernd, mit Schreien, Wasserblasen, Nervenflimmern. In Ad Mortem verzerrt und zerquetscht sich Musik dreizehn Minuten lang zu Brei, als ob ein Sterbender unter Wasser zuhört, wie an Land ein Idiot an einem Transistorradio rumfummelt. Dieser Tod ist ein feuchter Albtraum, Musik hat nichts mehr zu sagen. In der Ferne des Schlusssatzes Ad Infinitum verhallen Totenglocken.

Das neue Album des schwedischen e.s.t-Trios um den Jazzpianisten Esbjörn Svensson heißt Leucocyte, Musik über einen Körper, der außer Kontrolle gerät. Leukozyten sind die Hauptwaffen der Immunabwehr, die weiß uniformierte Blutpolizei. Dieses Album hat Esbjörn Svensson noch aufgenommen, bevor er Wochen später bei einem Tauchunfall in den Schären Stockholms ums Leben kam. Die Tiefe hatte ihn gereizt, er fand die Welt unter Wasser einsam, kalt und entrückt. Was von oben verzerrt schien, wirkte von unten still und logisch. Die Tiefe war eine wundervolle, gefährliche Versuchung. Erst im vergangenen Jahr hatte der Musiker den Tauchschein gemacht.

Sein Tod bleibt mysteriös. Svensson, so hieß es, sei von der Gruppe fortgeschwommen, die seinen Körper später "schwer verletzt" am Meeresboden gefunden habe. Die genauen Ergebnisse der Autopsie blieben unbekannt; durch Schweden irrlichterte der Gedanke an einen Suizid. Kurz vorher waren die e.s.t.-Leute zum Fotografen gegangen, sie hatten sich als Engel in einem überhell gekalkten Wohnzimmer ablichten lassen, als weiße Körperchen, deren Anführer Svensson auf einem Bild die Augen geschlossen hat und stumm schreit, als sitze er einem modernen Edvard Munch Modell. Auf einem anderen Bild ist Svenssons Kopf im Vordergrund so schemenhaft zu sehen, als befinde er sich unter Wasser. Auf dem Cover löst sich der Schriftzug des Titels auf, als verschwimme er unter einem Film von Nässe.

Kann der Zufall für alles verantwortlich gemacht werden? Ist es parapsychologischer Unsinn, hier Zusammenhänge zwischen Kunst und Realität zu wittern? Nun, die e.s.t.-Musiker waren Grenzgänger, womöglich haben sie Leucocyte als musikalische Studie entworfen: So klingt der Exitus. Auf der CD spielt Svenssons Klavier nur noch eine Nebenrolle, in Premonition (Vorahnung) wird es in Grund und Boden getrommelt; Earth ist ein unerbittliches Ritual des Drummers, dessen Rhythmen alle Musik austreiben. Contorted veranstaltet eine Etüde über Verzerrungen. Dieser Jazz, den es nach Svenssons Unfall nicht mehr geben wird, will kaum mehr unterhalten, mitnichten gefallen. Er zerstört sich selbst. Wie jazzig die Musik war, die e.s.t. früher spielte, zeigt ein einziges Stück, es heißt Jazz. Es ist ein weher Gruß an jenen Groove, dem in Leucocyte die Todesengel erscheinen. Ihr Auftritt wirkt wie eine Prophezeiung in eigener Sache.

e.s.t. Esbjörn Svensson Trio : Leucocyte, ACT CD 9018-2

Plattenrezensionen, Künstlerporträts und Bildergalerien gibt's auf zeit.de/musik "

Sie wollen auf dem Laufenden bleiben? Klicken Sie hier, und unser RSS-Newsletter bringt Ihnen die Musik direkt auf den Schirm.