DIE ZEIT: Ein All-inclusive-Urlaub kann ziemlich anstrengend sein. Warum tun Menschen sich so etwas an? Ist es die Lust am Schnäppchenjagen?

Heiko Ernst: Das ist ein vordergründiges Motiv. Natürlich verschafft es dem einen oder anderen einen Kick, wenn er es geschafft hat, das Preis-Leistungs-Verhältnis zu optimieren. Aber entscheidender ist die Angst vor Enttäuschungen, vor unangenehmen Überraschungen im Gastland. All-inclusive-Reisende sind meistens Risikovermeider. Ganz auf Sicherheit bedacht, bleiben sie lieber im sicheren Schoß des Hotels.

Zeit: Aber was ist denn das für ein Urlaub, in dem man nichts erlebt, in dem nichts Unvorhergesehenes passiert?

Ernst: Es ist eine regressive Art des Reisens. Ein Reisen, das nicht umsonst vor allem die oralen Wünsche befriedigen soll. Wer so reist, lässt sich fallen in eine eher kindliche Stufe der Entwicklung. Im All-inclusive-Hotel findet er sein kleines Schlaraffenland, wo er sich um nichts kümmern muss. Das ist für manche Menschen offenbar ein Wert an sich. Vielleicht müssen gerade solche Urlauber sich im Alltag ständig um alles Mögliche kümmern, immerzu rechnen, ob sie sich dieses oder jenes noch leisten können. Bei all-inclusive entfällt das. Alles ist immer greifbar, frei verfügbar, egal in welcher Qualität.

Zeit: Und es ist egal, welches Land man bereist.

Ernst: Beobachten Sie am Frankfurter Flughafen doch mal die Leute, die mit gepackten Koffern am Last-Minute-Schalter anstehen. Denen ist es völlig gleichgültig, ob sie vier Stunden später auf Fuerteventura, auf Kreta, in der Türkei oder in Tunesien landen.

Zeit: Fünf Sterne und trotzdem nur 399 Euro – macht diese Illusion von Luxus einen Teil der Faszination von Billigurlauben aus?

Ernst: Ja, das ist wie Champagner von Aldi. Da wird die Kluft zwischen Sein und Schein überwunden. Man hat teil an einem Luxus, wie ihn sich nur Bessergestellte leisten können, glaubt sich auf der gleichen Ebene zu bewegen wie die Reichen und Schönen. Der Illusion kann man sich durchaus eine Zeit lang hingeben. Von außen sehen die Hotels ja meist ganz passabel aus.

Die Fragen stellte Andreas Molitor

Der Diplom-Psychologe Heiko Ernst ist seit 1979 Chefredakteur der Zeitschrift "Psychologie heute"