Deutschland bekommt eine zweite Großbank. Es ist eine brave Bank, und genau das macht den Plan von Martin Blessing, dem Vorstandschef der Commerzbank, so radikal. Sobald sein Institut die Dresdner Bank beherrscht, will er beiden Banken ein bewusst traditionelles Geschäftsmodell verpassen.

Kapitalmarktgeschäfte sollen nur noch in Ausnahmefällen betrieben werden: Der Handel mit Aktien und Anleihen auf eigene Rechnung werde radikal zurückgefahren, sagt Blessing. Finanzieren will sich die Bank stärker durch Einlagen von Sparern und Kunden, weniger am Kapitalmarkt. Bei Dresdner Kleinwort, der überwiegend von Großbritannien aus agierenden Investmentbank der Dresdner Bank, sollen Insidern zufolge bis zu 1.300 Jobs gestrichen werden. Das wäre jede zweite Stelle. Aufrechterhalten will der Vorstandschef nur Dinge, die den Kunden direkt nützen, etwa die Währungsabsicherung und die Beratung bei Börsengängen.

"Wir wollen weg vom Kasino und zurück zu den Wurzeln des Bankgeschäfts", sagt ein an dem Deal beteiligter Banker, und damit wird das neue Haus so etwas wie ein Gegenentwurf zur Deutschen Bank: Dienst am mittelständischen Kunden statt hochriskanter Spekulationsgeschäfte, Konzentration auf hiesige Kunden statt Experimente in Übersee. Dabei wird die künftige Commerzbank finanziell auf vielen Ebenen mit der bisher übermächtigen Deutschen Bank mithalten können.

Historisch betrachtet, ist die Übernahme eine der spektakulärsten Finanztransaktionen, die es je in Deutschland gab. Und es ist eine, von der die deutsche Wirtschaft profitieren dürfte, auch wenn zunächst einmal 9.000 Arbeitsplätze wegfallen.

Es ist ein Sieg des kontinentaleuropäischen Finanzierungsmodells – bei dem vor allem Banken die Geldversorgung der Unternehmen übernehmen – über die angelsächsische Variante, die sich traditionell stärker auf die Kapitalmärkte verlässt. Entsprechend verschnupft reagieren viele Kommentatoren von dort, die von jeher den deutschen Mittelstand und seine Finanzierungsgewohnheiten mit Argwohn betrachten. "Das ist vor allem ein politischer und kein betriebswirtschaftlicher Deal", lästert die renommierte Website Eurointelligence.

Schon ist in London und New York die Rede von der Wiederauferstehung der Deutschland AG mit ihren gegenseitigen Verflechtungen. Hält nicht ausgerechnet die Münchner Allianz, der einstige Mittelpunkt ebenjener Deutschland AG, 30 Prozent an dem neuen Institut? Und wurden nicht der China Development Bank, die ebenfalls Interesse an der Dresdner Bank gezeigt hatte, die Türen verschlossen?

Im Berliner Finanzministerium wird der Vorwurf zurückgewiesen, man habe sich gegen ausländische Investoren gewehrt oder auf die Fusionsverhandlungen Einfluss genommen. "Der Deal war definitiv nicht politisch induziert. Es ging auch nicht um die Abwehr des Engagements einer chinesischen Bank in Deutschland", sagt Minister Peer Steinbrück.