Nichts war ihnen hoch, nichts kühn genug. Sie planten fliegende Städte, wollten auf dem Mars ein paar Reihenhäuser bauen und hätten am liebsten das Mittelmeer trockengelegt, um Europa und Afrika endlich zu vereinen. Eine neue, eine gerechte Gesellschaft, darum ging es ihnen. Sie glaubten an die Macht der Utopie, daran, dass Architektur die Welt verändern kann.

Heute ist dieser Zukunftstraum längst ausgeträumt. So gut wie nichts ist geblieben vom Idealismus der frühen Moderne, nichts von der Verwegenheit, mit der Architekten wie Wassili Luckhardt oder Hans Scharoun vor bald hundert Jahren eine neue Welt entwarfen. Es gibt heute keine Avantgarde mehr, die es wagte, sich eine Alternative zum Kapitalismus auszumalen. Niemand käme auf die Idee, eine Revolution auszurufen. Und doch ist so viel Umbruch, Umwälzung, Umsturz in der Architektur wie nie zuvor.

Die Visionäre von einst konnten von Kristalltürmen, Muschelhäusern und Architektur-Ufos nur träumen, jetzt werden sie tatsächlich gebaut. Auch wenn die Trockenlegung des Mittelmeers wohl noch etwas auf sich warten lässt – an Kühnheit sind die vielen spektakulären Museen, Fußballstadien und Bürotürme der letzten Jahre nicht zu überbieten. Manche sind mit so viel Schwung gebaut, als wollten sie im nächsten Moment abheben in höhere Sphären. Andere sind von schillernder Eleganz oder still-erhabener Größe. Und alle feiern sie sich selbst, ihre stolze Andersartigkeit. Es ist, als hätte die Avantgarde doch noch gesiegt!

Unser Zeit- und Raumgefühl hat sich verändert, das zeigen die Bauten

Nichts anderes wollten ja die frühen Visionäre: die Massen mobilisieren, das Volk gewinnen. Und nun strömen die Menschen herbei und begeistern sich für die neuen Wunderbauten. Sie reisen selbst in entlegene Winkel wie Wolfsburg oder Vals, nur um sagen zu können: Ich war bei Hadid, ich war bei Zumthor. Architektur ist zur großen Verlockung geworden.

Natürlich, die Avantgardisten von einst hatten etwas anderes im Sinn. Sie hofften auf den Neuen Menschen, befreit von allen kapitalistischen Zwängen; und von dieser großen Befreiung kann heute keine Rede sein. Im Kleinen jedoch hat sich vieles gelockert, vieles entfesselt – und die Architektur verkörpert just diese Lockerung.

Vor allem durch den Computer hat sich unser Raum- und Zeitempfinden verändert, wir leben heute in der digitalen Moderne. Der Mensch ist flexibler als ehedem, ist reisewütiger, ist ungemein ereignishungrig. Er liebt die Beschleunigung, das Ortlose, er will immer und überall erreichbar sein. Und so ist die Welt dieses neuen Menschen kleiner denn je und größer denn je. Kleiner, weil Internet, Billigflieger und überhaupt die Globalisierung alle Entfernungen schrumpfen lassen. Größer, weil die Informationsflut steigt und die Gesellschaft in viele Teilgruppen zerfällt. Die Welt ist übersichtlicher geworden und zugleich unübersichtlicher.

Ähnlich ambivalent sind auch die Gefühle vieler Menschen: Sie staunen über die irrwitzigen Innovationen der digitalen Moderne, und stehen doch oft ratlos davor. Ganz gleich, ob Mobiltelefon, Digitalkamera oder Automotor, alles, was vormals mechanisch und nachvollziehbar war, entzieht sich jetzt den Blicken, ist nicht länger greifbar. Früher konnte jeder, der wollte, an seinem Automotor herumschrauben. Heute ist der Motor in großen Teilen ein Computer, der sich nur mit Hilfe anderer Computer reparieren lässt. Auf ähnliche Weise ist im Zeitalter der Mikroprozessoren vieles körperlos geworden, existiert nur mehr als Blackbox.

Die Architektur hingegen verschwindet nicht, im Gegenteil: Gerade die beliebten skulpturalen Bauten betonen ihre Leiblichkeit. Und so finden in ihnen zwei Bedürfnisse der Gegenwart Unterschlupf, die sich eigentlich ausschließen. Zum einen befriedigen diese Bauten das Verlangen nach Fortschritt: Alle großen Gebäude der Gegenwart werden heute aus dem Geist des Computers geboren, aus der Faszination für das Avancierte. Sie verdanken sich der Simulation, sie gehen an die Grenze dessen, was heute mit Rechnern möglich ist. Ohne deren Hilfe wären bestimmte Formen nicht einmal vorstellbar, und unmöglich wäre es, ihre Statik zu berechnen. Allein das macht sie zu Wahrzeichen der digitalen Moderne.

Doch nicht nur in technischer, auch in sozialer Hinsicht verkörpern die spektakulären Signalbauten unser gewandeltes Weltbewusstsein. In diesen Bauten kommt das gewachsene Verlangen nach dem Realen und dem Bleibenden zum Ausdruck: Die Architektur übersetzt die digitale, entsinnlichte Mikro- in eine reale, körperlich erfahrbare Makrowelt. Nirgendwo sonst vermag die simulierte Bildschirmwelt so eindrücklich Wirklichkeit zu werden – und nicht zuletzt das ist einer der Gründe für die Popularität der Skulpturen-Architektur.

Wo die digitale Technik ansonsten stets auf Beschleunigung aus ist, wo sie flüchtig ist und sich am liebsten selbst überholen möchte, wo sogar Speichermedien wie die CD kaum länger als 30 Jahre halten, da gelangt sie in der Baukunst zu einer Art potenzieller Ewigkeit. So gesehen, profitiert die Architektur keineswegs nur in technischer Hinsicht von der Digitalisierung der Welt. Sie profitiert vor allem dadurch, dass sich durch den Computer unser Wirklichkeits- und Zeitempfinden verändert hat.