Ein Elfjähriger, der 7000 Dollar bei sich trägt, ein kleiner Junge, der in zwölf Monaten eine Odyssee von Mazar-e Sharif bis an die österreichische Grenze überlebt – das ist kein Fantasy-Abenteuer, das ist Wirklichkeit im Jahr 2001.

Hesmat geht es gut in Afghanistan, obwohl die liberal erzogene Mutter von der konservativ islamischen väterlichen Familie gemieden wird. Als sie stirbt und der Vater, der als Sympathisant der sowjetischen Besatzung zu Wohlstand gekommen ist, von den Taliban umgebracht wird, besorgt ein Freund des Vaters Geld und entwirft für Hesmat einen genauen Fluchtplan bis nach London. Hunderttausende gehen Leidenswege wie diesen: Mazar-e Sharif, Tadschikistan, Moskau, Minsk, Kiew, Ungarn, Österreich – Asylantrag mit ungewissem Ausgang.

Was Hesmat glaubt, seinen Eltern und der Familienehre schuldig zu sein – der Weg in Freiheit und Würde –, wird zum Albtraum aus Gewalt, Verrat und Ausbeutung. Ab und zu gibt es kleine Freuden: Die schönen, freien Mädchen von Moskau verdrehen ihm gründlich den Kopf, für eine Weile findet er einen Freund. Aber der Freund erstickt im Eisenbahnversteck, und bei jedem seiner Gefängnisaufenthalte droht dem hübschen Jungen Vergewaltigung.

Hesmat lernt: Flucht ist ein schmutziges, gut organisiertes Geschäft, an dem jede Kriegspartei verdient und ein Menschenleben nur als Frachtgut zählt. Von Mazar bis Tirol zieht sich der blutrote Faden des Betrugs, der Übertölpelung, der falschen, mit letzter Habe bezahlten Versprechen. Korruption heißt die Methode, die das Geschäft mit der Politik verbindet und über alle Grenzen hinweg funktionieren lässt. Hesmat ist zu jung, um diese perfiden Gesetzmäßigkeiten über seine existenzielle Kränkung hinaus zu verstehen.

Der Junge hat dem Autor, einem österreichischen Journalisten, seine Geschichte erzählt – inzwischen in Sicherheit, denn er darf bleiben und träumt davon, Arzt zu werden. Wolfgang Böhmer, Jahrgang 1970, kennt sich aus in den Krisengebieten der Welt und widerstand der Versuchung, aus Hesmats Geschichte einen Sensationsbericht zu konstruieren. Fest verankert in Ethos und Qualität des aufklärenden Journalismus, erzählt er mit handwerklichem Geschick. Wir erleben einen auktorialen Erzähler, der berichtet, ohne eifernd Partei zu ergreifen. So gelingt ihm das Kunststück, die Auflösung Afghanistans, einen weltpolitischen Konflikt, am authentischen Einzelschicksal eines jungen Menschen darzustellen. Birgit Dankert

Wolfgang Böhmer: Hesmats Flucht

Eine wahre Geschichte aus Afghanistan;