Zweimal im Jahr ruft mich eine ehemalige Kollegin an. Sie lebt inzwischen im Ausland. Hin und wieder kommt sie zu Besuch nach Berlin, dann ruft sie an und möchte "neue Trends im Berliner Nachtleben" von mir erfahren. Das ist so, als ob die Zeitschrift Literaturen Christoph Daum anrufen würde, um ihn über neue Entwicklungen in der französischen Lyrik zu interviewen. Falls wir, liebe Leserin, lieber Leser, uns morgen zufällig auf der Alten Schönhauser Straße treffen, und im dritten Satz frage ich beiläufig: Na, und nachts, was machen Sie denn so nachts, wie leben Sie eigentlich nachts, was geht da ab?, dann will ich Sie nicht angraben. Es ist wegen dieser Anrufe.

Diese Kollegin ruft immer dann an, wenn ich gerade im Begriff bin, wegen eines dringenden Termins das Haus zu verlassen, zum Beispiel, wenn ich gerade zum Flughafen will. Ich habe Jahre gebraucht, um diesen Zusammenhang zu erkennen. Ich muss zu einer Lesung, bin spät dran, das Telefon klingelt, nach Sekunden der Abwägung entschließe ich mich ranzugehen. Dann ist immer sie am Apparat. Ich sage: "Du, es ist grad total ungünstig, ich bin auf dem Sprung." Mir ist klar geworden, dass ich seit etwa zehn Jahren jedes Telefongespräch mit ihr auf genau diese Weise begonnen habe, wahrscheinlich sogar mit genau diesem Satz. Sie muss denken, ich sei ein Mann, der sein Leben lang ständig auf dem Sprung ist. Dabei stimmt das gar nicht. Da ist Magie im Spiel.

Da fällt mir der Chefredakteur eines Magazins ein, für das ich seit Langem arbeite. In den letzten Jahren hat er mich, zusammengenommen, etwa 30 Mal angerufen. Ich habe immer im Auto gesessen oder auf dem Fahrrad. Immer! Er muss mich für eine Person mit manischem Ortsveränderungstrieb halten, eine Wanderratte mit menschlichem Antlitz, die Tag und Nacht durch die Städte cruist. Dabei liegt mir nichts ferner als dies. Ich bin eher häuslich. Dieser Mann ist, glaube ich, überhaupt der einzige Mensch, mit dem ich jemals während des Fahrradfahrens telefoniert habe. Normalerweise komme ich beim Radfahren überhaupt nicht an das Handy heran. Inzwischen weiß ich, dass, wenn ich beim Besteigen des Rades zerstreut das Handy in die Hosentasche stecke statt in den Rucksack, dieses Signale an das Stammhirn des Chefredakteurs sendet, welche in ihm den unbewussten Wunsch keimen lassen, mich anzurufen.

Wenn ich aber gerade an einem wichtigen Text schreibe, ist es immer meine Mutter. Sie sagt, ich arbeite zu viel. Wenn ich müde bin und geistig ausgelaugt und nur noch vorm Fernseher relaxen möchte, und es klingelt, dann ruft immer mein Vater an. Ein alter Freund, der mich genau ein Mal im Jahr anruft, tut dies seit Menschengedenken immer dann, wenn ich gerade koche. Eine andere Freundin ruft mich immer im Fitnessstudio an, und zwar im Umkleideraum. Inzwischen brauche ich, wenn es in dem Kleiderspind klingelt, gar nicht mehr auf das Display zu schauen.

Ich bin Rationalist. Ich dachte, es könnte mit den Tageszeiten zusammenhängen. Mein Vater ruft halt abends an, meine Mutter nachmittags, der Chefredakteur morgens. Aber warum ist es, wenn ich abends koche, immer der Freund, während es beim Fernsehen immer mein Vater ist? Manchmal schreibe ich auch abends. Dann ist es immer meine Mutter. Während ich morgens dusche, ist es immer ein Handwerker, niemals der Chefredakteur. Nein, da steckt Magie dahinter. Sehr dunkel glaube ich mich übrigens daran zu erinnern, dass irgendjemand mich immer dann anruft, wenn ich betrunken bin. Ich weiß nicht einmal, ob es ein Mann ist oder eine Frau. Ich möchte das, bitte sehr, auch niemals erfahren.

Zu hören unter www.zeit.de/audio