Es gab Zeiten, da fragte man sich, ob Peter Higgs überhaupt existiert. Der Mann, nach dem das letzte Rätsel der Elementarteilchenphysik benannt ist, wurde nicht auf Konferenzen gesichtet und veröffentlichte nichts. Angeblich lehrte er im schottischen Edinburgh. Doch dorthin gerichtete Anfragen liefen ins Leere, Telefonanrufe blieben ohne Antwort, hoffnungsvoll abgesandte E-Mails verpufften im Nichts.

Peter Higgs schien ein Mysterium zu sein – wie das geheimnisvolle "Higgs-Teilchen", der letzte noch fehlende Baustein im physikalischen Weltbild. Es könnte erklären, weshalb Materie eine Masse hat. Obwohl zu seiner Suche gewaltige Teilchenschleudern in Gang gesetzt wurden, entzieht es sich seit Jahrzehnten jedem Zugriff.

Doch nun keimt Hoffnung. Zum einen startet am 10. September am europäischen Forschungszentrum Cern in Genf der Large Hadron Collider (LHC) und damit der bislang größte (und vorläufig letzte) Versuch, das ominöse Higgs-Partikel endlich zu finden; zum anderen ist inzwischen klar: Peter Higgs existiert! "Erster Nachweis von Higgs am Cern", meldete kürzlich der Cern Courier und präsentierte ein Bild des Physikers, der zum ersten Mal seit zwanzig Jahren die Genfer Physikerhochburg besuchte. Nun haben sogar Interviewanfragen Aussicht auf Erfolg: Zwar geht Higgs noch immer nicht ans Telefon, aber einen traditionellen Brief beantwortet er mitunter tatsächlich in seiner geschwungenen Handschrift.

Ein Higgs-Porträt in Öl hat die Universität schon in Auftrag gegeben

Treffpunkt Universität Edinburgh. Schon auf dem Weg durch die weißen Backsteinflure des nicht mehr ganz neuen Physikinstituts begegnet man seinem Konterfei: Am schwarzen Brett hängt ein Artikel der Sunday Times, die ihn als den "Mann, der die Antwort auf das Leben, das Universum und (fast) alles kennt", feiert. Und dann sitzt er da leibhaftig in einem Polstersessel, der lange Gesuchte, der mit seiner Theorie gewaltige Forschungsaktivitäten ausgelöst hat und indirekt das Leben von Tausenden von Physikern beeinflusst hat.

Aus dem Sessel erhebt sich zögerlich ein untersetzter älterer Herr mit gerötetem Gesicht, schütterem Haar und grau-grünen Augen, die misstrauisch durch die Gläser einer großen, metallgefassten Brille blicken. Etwas linkisch murmelt der 79-Jährige eine Begrüßung und hält sich dabei an einem Plastikbecher fest, in dem ein Rest Wasser schwappt. "Setzen Sie sich doch an meine linke Seite", bittet Higgs mit schüchternem Lächeln, "mein rechtes Hörgerät ist gerade ausgefallen." Wir setzen uns, und Higgs stellt seinen Plastikbecher vor sich auf den Tisch. Während der nächsten zwei Stunden wird er ihn kaum aus den Augen lassen; obwohl er daraus keinen einzigen Schluck trinkt, scheint der Becher ihm ein Halt zu sein.

Warum also hat er sich in den vergangenen Jahren so rar gemacht? "Well, hmm…, ahm…," setzt Higgs an, bricht ab, saugt pfeifend Luft ein und ringt nach Worten – eine Asthma-Erkrankung, die ihn seit seiner Jugend begleitet, erschwert ihm das Sprechen. "Als ich 1996 in Rente ging, wollte ich nicht mehr viel mit Physik zu tun haben", beginnt er zu erzählen, "erst in letzter Zeit wurde ich davon überzeugt, aus meiner Zurückgezogenheit herauszukommen."