Am Morgen nach dem überraschenden Erfolg seiner Partei verbringt Ottmar Schreiner ungewöhnlich viel Zeit in seinem Badezimmer. Er steht vor dem Spiegel und versucht, ernsthaft und verantwortungsvoll, staatstragend und selbstbewusst zu gucken. Seine Partei, die SPD, hat am Tag zuvor gemeinsam mit den Grünen die Bundestagswahl gewonnen. Das bedeutet für die deutsche Sozialdemokratie einen Neuanfang, und auch für den Arbeitsmarktexperten aus dem Saarland.

Bei seinen öffentlichen Auftritten wird er sich jetzt umstellen müssen, das ist Schreiner klar, und dafür suchte er nach dem passenden Gesichtsausdruck. "Der anklagende Tonfall, diese Attacken – das passt jetzt alles nicht mehr", meint er. "Hoffentlich kann ich das andere nach 16 Jahren Opposition überhaupt noch."

Fast zehn Jahre sind seither vergangen. In der Zwischenzeit war Ottmar Schreiner erst mainstream, dann Außenseiter, und neuerdings ist er wieder gefragt. Er war unter Oskar Lafontaine eine kurze Zeit SPD-Bundesgeschäftsführer, dann wurde er zum bekanntesten Kritiker von Gerhard Schröders Agenda-Reformen. Neuerdings mögen ihn wieder viele in seiner Partei. Die SPD-Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen hat ihn gerade mit 97 Prozent zu ihrem Vorsitzenden gewählt.

"Wenn man lange genug wartet, schwingt das Pendel wieder zurück", sagt Schreiner. Er sitzt braun gebrannt und vergnügt in einem Café in Berlin-Mitte. Vor ihm steht ein Glas Weißwein, ein paar Meter weiter hat Schreiner sein Fahrrad abgestellt, das er in Berlin meistens statt der Fahrbereitschaft des Bundestages nutzt. Nadja Auermann schiebt sich mit großer Sonnenbrille auf der Nase am Tisch vorbei. Normalerweise meidet Ottmar Schreiner diesen Ort. Er findet ihn zu schick.

Den Abend wird Schreiner bei einem Berliner SPD-Ortsverein verbringen, in den kommenden Wochen tritt er oft im bayerischen Landtagswahlkampf auf. Noch häufiger ist er bei Veranstaltungen im Saarland, wo er als designierter Minister für Arbeit und Soziales zum Schattenkabinett des SPD-Spitzenmannes Heiko Maas gehört und als letzte Hoffnung der Sozialdemokraten in der Auseinandersetzung mit Oskar Lafontaine gilt.

Pathos und Arbeitsrecht, der Autor kann beides

Es dürfte interessant werden, wenn Schreiner und Lafontaine im Wahlkampf aufeinandertreffen. Die beiden Männer sind bis heute gut befreundet und in der Reformdebatte meistens einer Meinung. Lafontaine wird die SPD kritisieren, und Schreiner wird ihm zustimmen, das Ganze allerdings seriöser formulieren. Wie das klingen könnte, ist in einem Buch zu lesen, das Schreiner in den vergangenen zwei Jahren über die Reformen der Ära Schröder geschrieben hat – und über das, was danach kommen müsste. Es heißt Die Gerechtigkeitslücke und wird in der kommenden Woche in Berlin vorgestellt.