Byram Karasu arbeitet als Psychiater in New York und lehrt an der Albert Einstein University. In seiner Privatpraxis hat er sich auf eine erlesene Klientel spezialisiert: Seit 40 Jahren therapiert er megareiche Patienten. Das Behandlungszimmer ist in einer Luxusresidenz direkt am New Yorker Central Park untergebracht, wenige Schritte vom Metropolitan Museum und dem ehemaligen Stadtpalais der Vanderbilts entfernt. Der Psychiater, ein schmaler Mann in seinen Siebzigern, empfängt an der Tür, das Büro ist ein dämmerig beleuchteter Raum mit heruntergelassenen Jalousien. Die ganze Wand ist von grün-blauen orientalischen Tapeten bedeckt, und zuerst fällt der Blick auf den gewaltigen Schreibtisch mit dem thronartigen Lehnstuhl dahinter. Doch Karasu deutet auf eine schwarze Ledercouch und nimmt auf einem Sessel Platz. Seine Stimme ist sehr ruhig. Tiefer als erwartet. Sein Akzent verrät seine ursprüngliche Heimat Istanbul.

DIE ZEIT: Sie sind der Psychiater der Superreichen. Was denken die eigentlich von Ihnen? Sind Sie für die ein weiterer Bediensteter neben dem Sekretär, dem Chefkoch und dem Yachtkapitän?

Byram Karasu: Das ist am Anfang meistens so. Und es ist verständlich. Es ist ja Teil ihres Lebensstils. Das Verhältnis ändert sich allerdings, wenn sie Patienten werden.

ZEIT: Man fragt sich ja, warum ein Mensch mit zwei-, drei- oder vierstelligem Millionenvermögen überhaupt noch Probleme hat.

Karasu: Die Probleme können sogar sehr groß sein! Vor allem der neu erworbene Reichtum kreiert in der Regel Beklemmung und möglicherweise auch Depressionen. Diese Menschen stellen börsentäglich fest, was sie wert sind. Sie können an einem Tag ein Vermögen gewinnen und am nächsten Hunderte von Millionen verlieren. Es ist, als ob sie jeden Tag in der Schule benotet würden. Sie fühlen sich bedroht.

ZEIT: Wovon denn – doch nicht vom Absturz?

Karasu: Na ja, zum Sozialfall wird von denen niemand mehr werden. Vielleicht muss einer sein Château in den Alpen verkaufen, den Jet oder das Weingut in Südfrankreich, aber mit dem verbleibenden Geld lässt sich immer noch nett leben. Aber die Supererfolgreichen sind wie Hochseilartisten. Bei einem Sturz fängt sie zwar ein Sicherheitsnetz auf, aber der Fall ist trotzdem beschämend.