Berlin. Es ist heiß, seit Tagen schon. 32 Grad, 34 Grad. Die Menschen ächzen unter der Hitze. Der Weinkritiker Stuart Pigott ist am Treffpunkt, einem Berliner Café, mit dem Fahrrad vorgefahren, er trägt eine Hose aus Kunstfell mit Leopardenmuster, anderen würde der Schweiß in Bächen herunterlaufen, er bewahrt eine Haltung von britischer Eleganz.

Stuart Pigott hat sich schon immer für Winzer interessiert, die etwas Erstaunliches wagen, überall auf der Welt spürt er sie auf. Er hat die Druckfahnen seines neuen Buches mitgebracht, um Weinverrückte wird es darin gehen, die angesichts des Klimawandels in Skandinavien, in Nordamerika, in Kanada und Dänemark ihr Glück suchen.

Die Weinwelt scheint aus den Fugen, unter den Winzern herrscht Goldgräberstimmung. Wissenschaftler gehen davon aus, dass sich die Weinbauzonen in den nächsten 90 Jahren um bis zu 500 Kilometer zu den Polen hin verschieben könnten. Plötzlich erscheint vieles möglich, manches auch bedrohlich. Ein Wein aus Deutschland kann heute nach Frankreich schmecken, andererseits fürchtet mancher um den schlanken, säurebetonten deutschen Riesling.

Euphorisch spricht Pigott von einem dänischen Wein, den er kürzlich getrunken hat, aber er sagt auch: "Die Veränderungen könnten sich so rasch vollziehen, dass die Winzer nicht schnell genug reagieren können." Die deutschen Winzer – sind sie schnell genug? Aufgewacht seien viele von ihnen erst nach dem Rekordhitzejahr 2003, sagt Pigott. Zu denen, die verstehen, was da passiert, gehören seiner Meinung nach der Rotweinrevolutionär Werner Knipser und der Rieslingkönig Steffen Christmann, beide in der Pfalz ansässig. "Außerdem sehe ich eine sehr interessante Entwicklung für Norddeutschland", sagt Pigott. Heute schon gibt es Versuche in Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern. Werden die Weinstöcke bald bis an die Deiche heranwachsen?

Stuart Pigott muss weiter, morgen fliegt er nach Kanada. Er schwingt sich auf sein Fahrrad und schießt davon. Auch wir werden uns auf den Weg machen, auf die Suche nach den deutschen Weinpionieren des Klimawandels.

Zuerst besuchen wir den Mann, der den Vorreitern die wissenschaftlichen Grundlagen liefert. Forschungsanstalt Geisenheim, 600 Kilometer südwestlich von Berlin, in der Nähe von Mainz, Abteilung Weinbau und Rebenzüchtung. Das Treffen mit Pigott liegt schon ein paar Tage zurück, aber es ist immer noch heiß und schwül. Der Rhein liegt wie Blei in seinem Bett, es tröpfelt. Professor Hans R. Schultz hat Tür und Fenster seines Büros geöffnet, in der Hoffnung auf etwas Abkühlung. Auf seinem großen Schreibtisch stehen zwischen Stapeln von Papieren und Büchern auch ein paar Weinflaschen. Schultz, Mitte 40, groß, sportlich, braun gebrannt, selbst Winzersohn, erfasst die Veränderungen für die Weinbauern in Tabellen, Grafiken, Berichten. Und nicht nur das: Er versucht auch, die Zukunft vorherzusagen. Um 1,4 Grad ist die Temperatur durchschnittlich in den Weinanbaugebieten gestiegen, sie könnte sich in den nächsten 50 Jahren noch einmal um 1,5 bis 5 Grad erhöhen.

"In südlichen Gegenden, wo es heute schon zu heiß oder zu trocken ist, wird es zu einem Kampf um Gebiete kommen, wo jetzt noch kein Wein wächst, und heutige Weingebiete werden uninteressant werden", sagt Schultz. Gerade gebe es einen Run auf Tasmanien, die Insel südlich von Australien, weil viele fürchteten, dass es dem Wein auf dem Festland zu heiß werde. Und die Argentinier bauten schon im äußersten Süden an, in Patagonien. Einer der größten Weinproduzenten Spaniens kaufe Hänge an den Pyrenäenausläufern, um ausweichen zu können, wenn es in traditionellen Gebieten wie der Mancha zu warm werde.