Doch bevor die Alliierten darangingen, in ihren Besatzungszonen Zeitungen zu lizenzieren, übernahmen sie es selbst, das Informationsbedürfnis der Deutschen zu stillen. Bereits am 24. Januar 1945, ein Vierteljahr vor Kriegsende, erschien die erste neue Tageszeitung im befreiten Aachen, weitere Blätter folgten. Sie alle, wie auch die Rundfunkstationen, wurden von alliierten Soldaten selbst geführt, die den Abteilungen der psychologischen Kriegsführung angehörten.

Dass diese Blätter nur ein Übergang sein konnten, war offensichtlich. Allein von Deutschen gemachte und verantwortete Zeitungen konnten auf Dauer ihren Lesern gegenüber glaubhaft sein. Und auch nur deutsche Medien konnten das viel beschworene Programm der "Umerziehung" oder "Reeducation" dauerhaft und nachhaltig umsetzen. Ein Oktroi der Sieger hätte dies nicht vermocht.

Bereits während des Krieges hatte man sowohl in Washington wie in London über eine Neuordnung der Presse im besetzten Deutschland nachgedacht. Aus den verschiedenen Überlegungen schälte sich ein Plan heraus, der zur Richtschnur der Besatzungsmächte wurde, jedenfalls der westlichen: der Plan, Lizenzen an sorgfältig ausgewählte Personen zu vergeben, die damit die Erlaubnis erhielten, eine Zeitung zu verlegen. Deutsche, die in den dreißiger Jahren in die USA hatten emigrieren müssen und Amerikaner geworden waren, kamen dafür nicht infrage.

Die Lizenz, eine Zeitung zu gründen, sollten keine berufsfremden Personen bekommen, sondern Journalisten oder Verleger, und zwar solche, die sich während der Nazizeit in keiner Weise hatten korrumpieren lassen, die möglichst zu den Verfolgten gehörten wie Curt Frenzel oder Johann Wilhelm Naumann und in deren Vita auch nicht der kleinste braune Fleck zu finden sein durfte und die natürlich Gewähr boten, das Zeitungsgeschäft zu beherrschen. Für die Altverleger war dies schwer zu ertragen. Fremde sollten sich fortan in ihren Revieren tummeln und das einst und wohl auch in Zukunft absehbar lukrative Zeitungsgeschäft betreiben dürfen.

"Diese radikale Neuordnung des Mediensystems in den Jahren ’45 bis zur Gründung der Bundesrepublik ’49", so stellt der Jenaer Historiker Norbert Frei fest, "war die insgesamt wohl erfolgreichste gesellschaftspolitische Weichenstellung der Alliierten in Deutschland []. In der Figur des Lizenzträgers manifestierte sich ein Bruch der personellen, im Verbot aller bisherigen Periodika der Abbruch jeder institutionellen Kontinuität der deutschen Presse." Insofern gab es im Pressewesen wirklich eine Stunde null – anders als auf vielen anderen Gebieten im Deutschland des Jahres 45.

Die Amerikaner, die für Augsburg diese Stunde null einläuteten, saßen in Seeburg am Starnberger See. Sie gehörten der Nachrichtenkontrolle an und hatten klare Vorgaben. Jede Stadt in Bayern, in der mehr als 20.000 Menschen wohnten, sollte eine Zeitung bekommen. Als Erste waren naturgemäß die Hauptstädter in München dran; hier gab es seit dem 6. Oktober 1945 die Süddeutsche zu lesen – damals die Lizenz Nummer 1, heute in jeder Hinsicht die Nummer eins unter den überregionalen Tageszeitungen in Deutschland.

Ernst Langendorf, Anfang der dreißiger Jahre Reporter beim Hamburger Echo und 1945 in US-Uniform zurückgekehrt, erinnerte sich, dass die Amerikaner damals "lange suchen" mussten. Er selber war mitverantwortlich, die richtigen Männer zu finden, denen man eine Zeitung anvertrauen konnte.