Das Gator-Fest war das erste Opfer. Jedes Jahr zog die traditionsreiche Erstsemesterparty, benannt nach dem alligatorartigen Uni-Maskottchen, tausende Studenten auf den Campus von Gainesville. Bei Burgern, Popkonzerten und umjubelten Auftritten ihrer Sportstars feierte die Universität von Florida vor allem sich selbst und ihren allmählichen Aufstieg unter Amerikas beste staatliche Hochschulen. Doch dieses Jahr hat Uni-Präsident Bernie Machen die Party abgeblasen. Kein Geld mehr. Schuld ist die Regierung von Florida: Sie hat den Zuschuss an die Uni um 47 Millionen Dollar gekürzt.

Jahrzehntelang galten die Universitäten in den Vereinigten Staaten als Vergleichsmaßstab, wenn in Deutschland wieder einmal der brutale Sparkurs im Bildungssystem beklagt wurde: Pro Studienplatz gäben die Amerikaner dreimal so viel aus wie die Deutschen, hieß es dann – was bislang tatsächlich so war. Doch möglicherweise müssen sich die Streiter für die überfällige Sanierung der hiesigen Hochschulfinanzen bald ein neues Paradebeispiel suchen. Die Wirtschaftskrise trifft viele US-Universitäten mit einer Härte, die mancherorts sogar europäische Verhältnisse schaffen könnte. Von New York über Georgia und Kalifornien bis nach Arizona versuchen die Bundesstaaten krampfhaft, verfassungskonforme Haushalte aufzustellen und die Neuverschuldung zu begrenzen. Fast immer landen sie auf ihrer Suche nach Einsparungen bei den staatlichen Universitäten, denn anders als bei den Schulen ist deren Budget nicht festgeschrieben und kann fast beliebig gedrückt werden. Mit weit dramatischeren Folgen als die Absage von Erstsemesterpartys. Beispiel Gainesville: Die Universität von Florida musste rund zehn Prozent ihrer Anfängerplätze streichen, dazu 80 Dozenten entlassen und 70 weitere Uni-Angestellte.

"Die Budgets schrumpfen, die Ausgaben explodieren", fasst Claire van Ummersen vom Hochschulverband American Council on Education die Misere zusammen. Gerade die Energiekosten seien aus dem Ruder geraten. "Viele Hochschulen reagieren, indem sie ihre Studiengebühren drastisch anheben." Ohne es zu wollen, setzen sie so eine Abwärtsspirale in Gang: Die meisten Studenten bestreiten einen Teil der Gebühren aus Beihilfen der Bundesregierung, doch die hat ihren 80-Milliarden-Dollar-Etat für Stipendien und zinsgünstige Darlehen, vergleichbar dem deutschen Bafög, in den vergangenen Jahren kaum erhöht. So wächst die Lücke zwischen den Hilfen und der Gebührenrechnung; von 2002 bis 2006 stieg sie nach Berechnungen des ACE von 5300 auf fast 8100 Dollar. Die Konsequenz: Eine immer größere Zahl junger Leute kann sich ein Studium nicht mehr leisten und bleibt weg.

Auch wenn das amerikanische Hochschulsystem international noch immer als vorbildlich gilt, werden in der Krise auch andere Defizite deutlich, auf die Experten schon seit Jahren hinweisen:

Die zunehmende Spaltung in eine Minderheit unvorstellbar reicher Universitäten und eine Mehrheit kaum noch ausreichend finanzierter Hochschulen: Unter den 61 Unis, die 2006 ein Stiftungsvermögen von mehr als einer Milliarde Dollar angehäuft hatten, befanden sich nur 17 in staatlicher Trägerschaft. Spitzenreiter der Rangliste war das private Harvard mit fast 29 Milliarden, was bei rund 25000 Studenten Rücklagen von mehr als einer Million Dollar pro Kopf entspricht. Zum Vergleich: Florida hatte eine knappe Milliarde auf der hohen Kante – bei doppelt so vielen Studenten. Dieses in deutschen Ohren immer noch gewaltig klingende Vermögen relativiert sich weiter, wenn man bedenkt, dass staatliche Unis in den USA mittlerweile die Hälfte ihrer Budgets und mehr selbst einwerben müssen – oder eben von ihrem Gesparten leben. "Jede Rezession hat dazu geführt, dass sich die Bundesstaaten stärker aus der Finanzierung ihrer Hochschulen zurückgezogen haben", sagt Gerhard Casper, ehemaliger Präsident der Stanford University, der drittreichsten Hochschule im Land.

Die enorme soziale Ungleichheit an den Hochschulen. 2007 hatten zwei Drittel aller Weißen mindestens ein paar Semester studiert, aber nur die Hälfte der Schwarzen und ein Drittel der spanischsprachigen Minderheit. Zudem leiden gerade die sogenannten Community Colleges, an denen vor allem Kinder von Nichtakademikern die ersten beiden Uni-Jahre fast gebührenfrei absolvieren, unter dem Sparkurs. Auch ihre Absolventen, die sich für die letzten zwei Jahre bis zum Bachelor als transfer students an normalen Colleges bewerben können, haben es schwer: Ihre hoch subventionierten Studienplätze sind die ersten, die dem Rotstift zum Opfer fallen. So auch in Gainesville, wo ausschließlich Transfer-Studienplätze abgebaut werden. "An den Hochschulen herrscht immer noch das Ideal der need-blind admission, der Zulassung allein aufgrund der Leistung und nicht der finanziellen Möglichkeiten der Bewerber", sagt Hans N. Weiler, der ebenfalls in Stanford lehrt. "Doch die Wirklichkeit sieht vor allem bei den weniger wohlhabenden privaten Colleges anders aus. Und auch manch staatliches College bemüht sich mehr und mehr um zahlungskräftige Studenten."