DIE ZEIT: Der englische Begriff "Stalking" steht für "anpirschen", "nachstellen". Wo verläuft die Grenze zwischen Liebe und Obsession?

Wolf Ortiz-Müller: Diese Grenze ist kulturell sehr unterschiedlich. Je nachdem, inwieweit Beharrlichkeit als schmeichelhaft oder störend verstanden wird und welche Codierung das "Nein" einer Frau oder auch eines Mannes hat. Sie ist aber auf jeden Fall erreicht, sobald sich der andere als Opfer fühlt.

ZEIT: Warum überschreiten manche diese Grenze?

Ortiz-Müller: Viele Stalker empfinden ihr Handeln selbst als zwanghaft, wie bei einer Sucht: Fremdgesteuert kreist ihr Leben um das eines anderen. Die SMS an die Angebetete ist ihr Kick, der Moment, in dem ihr Herz höher schlägt und sie sich lebendig fühlen. Allerdings nur kurz, dann brauchen sie mehr, müssen die Dosis erhöhen. Sie schreiben eine E-Mail, rufen an oder klingeln an der Tür.

ZEIT: Aus welchem Grund verlieren sie so sehr die Kontrolle?

Ortiz-Müller: Ein Erklärungsansatz ist die Bindungstheorie von John Bowlby: Menschen, die in ihrer Kindheit keine festen Beziehungen erfahren haben, erleben es als bedrohlich, verlassen zu werden. Die Folge ist oft, dass sie Nähe ganz vermeiden – oder extrem klammern. Sie neigen dazu, die soziale Realität verschoben wahrzunehmen. Der Gruß einer Kollegin weckt wilde Fantasien, ihr Nein wird zu einem frei interpretierbaren Begriff, und die eigene Liebe äußert sich nicht selten in Aggression.

ZEIT: Schon immer gab es Menschen, die andere mit ihrer vermeintlichen Liebe belästigt haben, warum beginnt man erst jetzt, das Phänomen zu behandeln?