Frage: Markus und Johanna sind seit mehreren Jahren ein Paar. Dem gingen dramatische Trennungen voraus: Markus war verheiratet, Johanna war die Frau eines Kollegen. Irgendwann ließen sich beide scheiden und führen seither eine anscheinend ziemlich glückliche Beziehung. Bei einem Umzug findet Markus ein altes Tagebuch von Johanna, genau aus der Zeit ihrer damals heftigen Liebesaffäre. Er fängt heimlich an zu lesen und stellt zu seinem Erstaunen fest: Johannas Gedanken damals hatten nur sehr begrenzt mit ihm zu tun. Es gab noch einen dritten Mann, der sie in erster Linie beschäftigte, eine wohl eher platonische Geschichte. Markus hat natürlich ein schlechtes Gewissen, dass er heimlich das Tagebuch liest. Andererseits – er weiß nicht, ob er Johanna darauf ansprechen soll.

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Wer alte Briefe, Tagebücher und E-Mails seines Partners heimlich liest, begibt sich in Gefahr. Dort findet man nämlich in den seltensten Fällen das Schmeichelhafte, das man sich im Grunde wünscht. Der Partner hat eine eigene Sicht auf die Beziehung, selten sehen sie beide gleich. In diesem Fall muss sich Markus fragen: Kann er damit leben? Oder belastet ihn das Wissen, dass es einen unbekannten Mann im Leben von Johanna gab, so sehr, dass er sich nicht mehr davon frei machen kann? Das weiß er erst nach einigen Tagen. Die Bedenkzeit finde ich gut; zu den problematischen Liebes-Illusionen gehört es doch, dass immer gleich alles gesagt werden kann, gar muss. Gute Beziehungen bestehen ebenso daraus, dass man Probleme mit sich selbst abmacht, wie dass man sie teilt.

Wolfgang Schmidbauer, 67, ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten, von ihm erschien u.a. "Das Mobbing in der Liebe", Gütersloher Verlagshaus

Welchen Problemen Wolfgang Schmidbauer in seiner täglichen Praxis begegnet, erzählt er im Interview mit ZEIT ONLINE.

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