Pulau Ketam wäre ein passender Ort für den Test gewesen: sumpfig, schwül, abgeschieden. Stege verbinden dort die Holzhäuser miteinander, und wenn die Flut geht, bleibt zwischen den Stelzen vermüllter Matsch zurück. Ein Jahr lang ließen Luke Alphey und das malaiische Gesundheitsministerium den Ort untersuchen; Anwohner, Moskitopopulation, Krankheit, alles passte. Aber dann gab es irgendwo eine undichte Stelle. Alphey vermutet einen ungeschickten Beamten, der den Plan mit dem Test der Presse ausplauderte. Den Plan, in dem malaiischen Dorf gentechnisch veränderte Moskitos auszusetzen – eine Weltpremiere. Die ansässigen Zeitungen schlugen Alarm, Umweltschützer protestierten, und einige Lokalpolitiker schrieben einen offenen Brief an die Regierung.

Jetzt sucht Luke Alphey einen neuen Ort. Er sitzt gut 10700 Kilometer entfernt von Pulau Ketam unruhig auf seinem Stuhl. Vor dem Fenster ist der Rasen sauber gestutzt, die Büsche sind ordentlich geschnitten. Auch hier ist es feucht, aber nur wegen des englischen Regens. Luke Alphey ist Gründer und wissenschaftlicher Leiter der britischen Biotechfirma Oxitec in der Nähe von Oxford. Er wirkt wie einer der jungen Start-up-Typen, bevor die Internetblase platzte: Dauerhaft aufgeregt, weil er nicht erwarten kann, mit seinem segensreichen Produkt die Welt zu erobern.

Das Produkt heißt OX 513 A und ist ein Moskitomännchen der Art Aedes aegypti, dem Hauptüberträger des Denguefiebers. Sein Genom trägt eine kleine Variation. Eine zusätzliche DNA-Sequenz lässt die Nachkommen sterben, noch bevor sie sich fortpflanzen oder stechen können. Werden diese Männchen in großer Zahl ausgesetzt, so die Idee, befruchten sie und nicht die wilden Männchen die Weibchen – und die Ausbreitung endet an diesem Punkt. OX 513 A soll die eigene Art auslöschen und mit ihr die Krankheit.

Das Denguevirus übertragen ausschließlich die Weibchen der Gelbfiebermücken (Aedes aegypti) und der Asiatischen Tigermücken (Aedes albopictus). Wenn sich deren Mundwerkzeuge zum Blutsaugen in die Haut des Wirtes bohren, injizieren sie Speichel in die Wunde, damit das Blut nicht gerinnt. Mit dem Speichel wandern die Viren ein. Im Körper des Menschen, dem Hauptwirt, lösen sie nach ein paar Tagen Schübe von Schüttelfrost und Fieber aus, begleitet von Kopf- und Gliederschmerzen, Hautausschlägen und Brechreiz. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO stecken sich jährlich etwa 50 Millionen Menschen an, mehr als 19000 sterben daran. Medikamente oder schützende Impfungen gibt es nicht.

Millionen gentechnisch veränderter Raupen werden bereits freigesetzt

Seit Langem versuchen Wissenschaftler, das Virus zu besiegen, indem sie die Überträgermücken bekämpfen. Sümpfe wurden ausgetrocknet, Gewässer mit Gift behandelt, um die Brutstätten der Tiere zu zerstören. Vielerorts verschwand die Mücke. Und kam wieder. Mitte des vergangenen Jahrhunderts begann man, mit dem Insektengift DDT ganze Landstriche einzusprühen. Doch die Moskitos entwickelten Resistenzen und vermehrten sich erneut. Klimaveränderung, Städtebau, Handel und Reiseverkehr lassen die Insekten immer wieder neue Gebiete erobern, ihre Ausrottung scheint unmöglich.

Die Grundidee hinter OX 513 A ist ebenfalls nicht neu. Unfruchtbare Insektenmännchen werden seit vielen Jahren genutzt. In riesigen Fabriken werden sie gezüchtet, durch Bestrahlung sterilisiert und anschließend ausgesetzt. In Nord- und Mittelamerika starb die Schraubenwurmfliege so nahezu aus, Mitte der Neunziger die Tsetsefliege in Sansibar. Bei Moskitos funktioniert die Methode jedoch nicht gut. Die Bestrahlung zerstört schrotschussartig das Erbgut, die Männchen werden zwar zeugungsunfähig, aber auch sonst sehr geschwächt. Bei der Balz sind sie den wilden Männchen deutlich unterlegen.