Und endlich erblicken wir den Rio Papagaio, der etwa hundert Meter breit und dessen Wasser so klar ist, dass man trotz der Tiefe den felsigen Grund sehen kann Und am anderen Flussufer erblicken wir zwei nackte Gestalten: die Nambikwara."

Es ist der 17. Juni 1938, ein glutheißer Tag, als die Sierra-do-Norte-Expedition auf die ersten Vertreter dieses Indianerstamms trifft. Das wissenschaftliche Unternehmen wird angeführt von Claude Lévi-Strauss; der französische Anthropologe ist unterwegs zu den "primitiven" Völkern im Herzen Südamerikas. Er will ihre Kultur erforschen, die Zyklen des Nomadenlebens, die Rituale, die Tabus, den Naturglauben, das Verhältnis der Geschlechter, die soziale Organisation. Die Nambikwara bevölkern die Chapada dos Parecis, eine unwirtliche und damals noch weitgehend unbekannte Hochebene im "Wilden Westen" Brasiliens. Lévi-Strauss folgt mit seiner tropa, seiner Ochsenkarawane, den Pfaden von Cândido Rondon, einem ehrgeizigen Armeegeneral, der eine Telegrafenlinie in diese Terra incognita gebaut hatte. Es ist ein beschwerlicher Treck, begleitet von zahllosen Rückschlägen, Wutausbrüchen, Selbstzweifeln und jener Niedergeschlagenheit, die eine öde, eintönige Landschaft auslöst. Aber Lévi-Strauss treibt der Forschergeist voran, die unstillbare Neugier und der erkenntnisleitende Wille des modernen Ethnologen, nicht nur fremde Völker zu erforschen, sondern in der Begegnung mit ihnen die eigene Kultur besser zu verstehen.

Über tausend Kilometer sind wir der Expeditionsroute von Lévi-Strauss gefolgt, von Cuiabá, der Hauptstadt der Provinz Mato Grosso, hinauf in jenes mythische Hochplateau, in dem viele Zuflüsse des Amazonas entspringen. Die einstige Wildnis hat sich in ein unermessliches Meer von Monokulturen verwandelt. Soja, Hirse, Baumwolle, Sonnenblumen, Zuckerrohr bis zum Horizont, Millionen von Hektar, die Felder so groß wie hierzulande ein Regierungsbezirk. In dieser Region tobt unterdessen die größte Erzeugerschlacht der Welt, hier liegt das Zentrum der neuen Agrargroßmacht Brasilien, und die Landschaft ist auf eine ganz andere Art genauso trostlos wie die Buschsteppe, deren Monotonie Lévi-Strauss und seine Gefährten deprimierte.

Fast auf den Tag genau siebzig Jahre nach ihrer Ankunft im Zielgebiet, es ist wieder ein glutheißer Junitag, gleiten wir auf einem Floß über das smaragdgrüne, kristallklare Wasser des Rio Papagaio. Wir werden von zwei Indianern begleitet, von dem Kaziken Tarcilo Zomoi Zokae, dem Chef des Dorfes Utiariti, und seinem 18-jährigen Sohn Waldinei. Sie wollen so gar nicht dem Bild entsprechen, das sich die Außenwelt von den letzten Ureinwohnern zurechtfantasiert hat. Der Vater trägt Shorts und Flipflops, auf dem giftgrünen T-Shirt des Sohnes bleckt Spongebob seine Zunge. Die beiden führen uns zu einer verfallenen Missionsstation der Jesuiten, die einst die "Wilden" bekehren wollten. Von ihrem Außenposten ist nicht mehr viel übrig geblieben: ein paar ungepflegte Gräber, der verwilderte Mangohain, die Ruinen der Kirche und der Häuser, in denen die Padres residierten. Im Dorf stehen auch noch ein paar Telegrafenmasten der Rondon-Linie, zwischen den Isolatoren aus Porzellan wuchern Termitennester. Gleich unterhalb der Mission stürzt der Rio Papagaio neunzig Meter in die Tiefe. Es ist, als wäre die Vergangenheit im ewigen Donnern und Rauschen versunken.

Aber wo finden wir die Nambikwara? Existiert dieses kleine Volk überhaupt noch? Oder wurde es unter der Walze der Modernisierung zermalmt, wie Lévi-Strauss schon in den 1930er Jahren prophezeit hatte?

Es leben noch Indianer in diesem Landstrich, aber sie gehören wie Tarcilo und sein Sohn zum Stamm der Paressi. Sie bewohnen Ziegelhäuser mit Strom- und Wasseranschlüssen. Vor der Veranda des Kaziken stehen eine Satellitenschüssel und ein weinroter Chevrolet Conquest, ein Pritschenwagen, auf den er sehr stolz ist. "Wenn ihr Nambikwara finden wollt, müsst ihr ein paar hundert Kilometer weiter fahren."

Wieder führt der Weg durch schier endlose Monokulturen. Für die Urvölker bleibt kein Platz mehr, sie stehen dem Fortschritt nur im Wege. Ihre weiten Lebensräume sind zu terras indígenas geschrumpft, zu Indianerreservaten. Vor der Stadt Comodoro, bei den silbrig glitzernden Silotürmen des amerikanischen Agrarkonzerns Cargill, biegen wir in einen Buschpfad ein und erreichen nach acht Kilometern das erste Dorf der Nambikwara. Aber Dorf kann man es eigentlich nicht nennen, es sind ein paar Bretterverschläge, Unterstände und zerzauste Windschirme, die eher an ein Flüchtlingscamp erinnern. Zwischen den Behausungen liegen allerlei Gerätschaften herum, Pflöcke, Matten und Kiepen, an deren Flechtstruktur wir das Handwerk der Nambikwara erkennen.