Die ZEIT: Alle Völker sind erforscht. Brauchen wir die Ethnologie überhaupt noch?

Ute Luig: Unter den Bedingungen der Globalisierung ist die Ethnologie vielleicht nötiger als je zuvor. Ethnologen interessieren sich für die Dynamik gesellschaftlicher Transformationsprozesse, mit besonderem Blick auf das "Lokale". Wir sind im Gegensatz zu manchen Sozial- und Kulturwissenschaften dichter am Geschehen.

ZEIT: Wie unterscheidet sich die Ethnologie von der Volkskunde?

Luig: Bis in die 1960er Jahre gab es eine Arbeitsteilung zwischen der Volkskunde, die sich mit europäischen Gesellschaften beschäftigte, und der Ethnologie, die für außereuropäische Gesellschaften zuständig war. Inzwischen haben sich unsere Disziplinen einander angenähert. Auch wir Ethnologen erforschen Minderheiten im eigenen Land, zum Beispiel in einer multikulturellen Stadt wie Berlin.

ZEIT: Können wir das Fremde erkennen?

Luig: Wir können natürlich nie wirklich denken wie die anderen. Aber wir können uns ihnen durch geteilte Erfahrungen und Einfühlung nähern.

ZEIT: Ethnologen untersuchen oft untergehende Kulturen. Stimmt Sie das traurig?