In seinem grandiosen Che-Guevara-Roman von 1998 zieht der argentinische Schriftsteller Abel Posse eine Parallele zu Lord Byron, der, besessen von der Idee, Hellas den Türken zu entreißen, im griechischen Freiheitskampf 1824 sein Leben ließ. Die Parallele, das weiß natürlich auch Posse, ist mehr als gewagt. Immerhin kämpfte der englische Dichter, von klassischer Bildung durchtränkt, gewissermaßen auf »geistigem Heimatboden«. Dagegen bewegte sich sein argentinischer Urgroßenkel auf einem Terrain, dessen politisch-kulturelle Geografie er kaum kannte, die ihn auch nicht sonderlich interessierte. Mehr noch, während der Brite kaum daran zweifeln musste, ob seine Dienste im fernen Griechenland erwünscht waren, lagen die Dinge für Ernesto »Che« Guevara ungleich komplizierter: Auch diejenigen, die er befreien wollte, erwiesen sich als unerwartet störrisch.

Und das lag, wie nun Gerd Koenen in seiner ebenso brillanten wie ernüchternden Topografie von Che Guevaras revolutionären Traumpfaden demonstriert, keineswegs nur am falschen Bewusstsein seiner Probanden. Etwa den Kongolesen, denen der berühmte Kampfgefährte Fidel Castros nach seiner Abreise aus Kuba 1965 zum Sozialismus verhelfen wollte – eines jener Zentralkapitel in der Biografie des Universalguerilleros, das aus der Feder von Cervantes stammen könnte. Denn es kam einer Donquichotterie gleich, wie das Häuflein kubanischer Revolutionäre, mit Che Guevara als »revolutionärer weißer Tarzan« an der Spitze, im afrikanischen Urwald agierte.

Geradezu fantastisch mutet es an, dass der lateinamerikanische Importrevolutionär die kongolesischen Rebellen über seine Guerillaaktionen weder vorab informierte noch deren Erlaubnis einholte. Natürlich bewegte sich Ches Truppe, wie Koenen schreibt, auch sprachlich und kulturell in einem »für sie undurchdringlichen, babylonischen Dschungel, der weitaus schlimmer war als der wirkliche Dschungel mit seinen Schlangen, Raubtieren und giftigen Insekten«. Kein Wunder, dass die Revolutionsmission kläglich scheiterte.

Das Desaster im afrikanischen Urwald ist freilich nur eines von zahlreichen Beispielen, wenn auch ein ziemlich prominentes, für den revolutionären Voluntarismus Guevaras, der sich, wie gezeigt wird, unter anderem aus jenem Ereignis speiste, an dem er maßgeblich mitgewirkt hatte: der kubanischen Revolution von 1959. Als einer der engsten Kampfgenossen der beiden Castro-Brüder stilisierte Guevara die Erfahrungen in der Sierra Maestra, der geografischen Wiege der Revolution – der Autor nennt sie prosaisch, nicht ganz zu Unrecht, eine »Involution« –, zum Vademekum eines weltweiten revolutionären Flächenbrandes. Damit hatten verständlicherweise selbst jene ihre Probleme, die Guevara ideologisch ein Stück weit auf seinen Traumpfaden der Weltrevolution begleiteten.

Neben dem máximo líder Kubas waren es vor allem die europäischen Statthalter des realen Sozialismus, die das »revolutionäre Abenteurertum« des argentinischen Chefguerilleros – trotz dessen Sympathien für Stalin – mit Argusaugen betrachteten. Umso überraschender mutet es an, dass zu den prominenten Weggenossen Ches auch eine DDR-Bürgerin gehörte, nämlich die aus Ost-Berlin stammende Tamara Bunke, alias »Tania«. Es sind vor allem diese drei Erzählfäden – Che, Fidel und Tania –, die Koenen zu einer höchst spannenden, erkenntnisreichen und glänzend geschriebenen Geschichte verknüpft.

Auch wenn die Hauptelemente dieser Geschichte längst bekannt sind: Im biografischen Dreieck seiner Protagonisten gelingt dem Autor eine faszinierende Synthese der politischen Megaereignisse der fünfziger und sechziger Jahre, nebst ihren ideologischen Diadochenkämpfen – vor allem im sozialistischen Lager –, an denen er im Übrigen höchstpersönlich beteiligt war: Der studierte Historiker und Politologe absolvierte einst selbst, wie er im Klappentext verrät, »das volle Programm des linksradikalen Aktivismus«. Dennoch ist das Buch kein spätes »mea culpa« eines reumütigen Konvertiten. Eher eine luzide, wenn auch sicher schmerzhafte Vermessung pseudorevolutionärer Irrpfade, die allesamt in Sackgassen endeten, manchmal auch am Rande des Abgrunds. »Wir müssen den Weg der Befreiung auch dann gehen«, zitiert Koenen aus einem Guevara-Artikel während der Kubakrise in den frühen Sechzigern, »wenn er Millionen atomarer Opfer kosten sollte…«