Wie einen Anfänger haben sie ihn erscheinen lassen, wie einen Dilettanten, der keine Ahnung hat vom richtigen Mann, kein Gespür für den richtigen Zeitpunkt. Wie einen, dem man die Entscheidungsgewalt entreißen muss. Wo er doch alles geplant hat, alles abgestimmt war, alles besprochen. Wo er doch glaubte, dass wenigstens hier, im engsten Kreis der SPD-Spitze, das gelte, was ihm immer am wichtigsten war: Offenheit, Vertrauen, Verlässlichkeit. Und jetzt? Jetzt ist er schon wieder das Opfer, der Hintergangene. So sieht er das. Und deshalb hat er ihnen den Parteivorsitz vor die Füße geworfen, das Amt August Bebels und Willy Brandts, das Amt, das kaum jemand in der 145-jährigen Parteigeschichte so erleiden musste wie er. Nicht mit Kurt Beck.

Sonntagmittag, kurz nach 12 Uhr im Landhaus Ferch am Schwielowsee, sieben Kilometer entfernt vom Hotel Seaside Garden. Dort, im "Event Center", wartet die erweiterte SPD-Spitze seit einer Stunde auf die engere – den Parteichef, seine drei Stellvertreter, den Generalsekretär, den Fraktionsvorsitzenden, die Schatzmeisterin. Frank-Walter Steinmeier soll hier zum SPD-Kanzlerkandidaten für die Bundestagswahl 2009 gekürt werden. Von Beck. Und jetzt? Jetzt ficht Beck in Ferch sein letztes Gefecht. Sein Amt hat er schon niedergelegt, es gilt nur noch zu verhindern, dass ihm jener Mann folgt, mit dem er einst seinen härtesten Machtkampf auszutragen hatte. Den die Basis-Genossen nach zehn Monaten Auszeit schon so verklärt haben, dass sie ihn in München wie einen heiligen Franz der Hofbräukeller umjubeln. Nicht Franz Müntefering.

Beck drängt darauf, dass Steinmeier selbst nun auch den Vorsitz übernimmt. Andere stimmen zu, drängen mit. Steinmeier verweigert sich beharrlich. Kandidat, Vizekanzler, Außenminister – wo soll er den SPD-Chef unterbringen? Beck bringt Arbeitsminister Olaf Scholz ins Spiel. Die Idee wird verworfen. Das sei wohl nun, so wirft Steinmeier ein, die erste Situation, in der er die Entscheidung vorgebe: Müntefering. Um 12.40 Uhr ruft Steinmeier in Bonn an. Zehn Minuten später ruft Müntefering zurück und sagt zu. Eine letzte Demütigung für Beck. So empfindet er das.

Beck will Herr des Verfahrens bleiben. Allein darum geht es ihm noch

Zweieinhalb Monate früher, der 24. Juni, in Berlin tritt Beck vor der SPD-Bundestagsfraktion auf. Putschpläne geistern durch die Medien. Beck ist so gut wie noch nie in der Hauptstadt: kämpferisch, auf den Punkt. Man könne ihm Kritik auch offen ins Gesicht sagen, anstatt sie anonym den Medien durchzustechen. "Wenn jemand meint, ich sei das Problem – ich klebe nicht an meinem Stuhl." Erstmals deutet Beck an, dass er bei der Kanzlerkandidatur zugunsten des deutlich beliebteren Außenministers verzichten könne. "Frank-Walter und ich werden das freundschaftlich klären."

Zu diesem Zeitpunkt weiß Beck bereits, dass er tatsächlich verzichten wird, sagt er heute. Nur sagt er es damals niemandem. Nicht seinen Vertrauten, nicht Steinmeier. Für Beck, den angeschlagenen Parteichef, ist von nun an von zentraler Bedeutung, dass er Herr des Verfahrens bleibt. Dass er den Kandidaten Steinmeier inthronisiert – und anschließend die Partei hinter ihm zusammenschließt. Nur so kann er Augenhöhe zum Kandidaten wahren. Nur so kann er als SPD-Chef überleben. Ein Vorsitzender, der im Umfeld des Kandidaten bestenfalls geduldet wird, ist der Partei nicht zuzumuten – und dem Vorsitzenden selbst auch nicht.

Zu diesem Zeitpunkt ahnt Steinmeier bereits, dass es auf ihn zulaufen wird. Die Umfragen, die Medienberichte, die Stimmung in der Partei – alle Zeichen deuten auf ihn. Er hat lange genug im Schatten von Gerhard Schröder Strippen gezogen, um zu wissen, dass einem echte Macht nur zuwächst, wenn man nach ihr greift. Und nicht, wenn sie einem vor die Füße fällt. Und er hat eine Reihe von Beratern und Zuarbeitern um sich herum versammelt, die nun schon lange genug in seinem Schatten Strippen ziehen, um zu wissen, was Steinmeier weiß. Im Steinmeier-Lager ist von Anfang an klar, dass seine Kanzlerkandidatur nur dann aussichtsreich sein kann, wenn der Kandidat selbst sie initiiert. Die Frage ist nur: wann?