Bisher hat dieses Schicksal noch jede Religion ereilt, und auch der Islam ist nicht zum ersten Mal an der Reihe: Doch dieses Mal geschieht es mitten in Deutschland, im vollen Licht der universitären Öffentlichkeit. Es macht sich ein Gläubiger auf, nach bestem Wissen und Gewissen; er folgt den Fragen, die ihn rufen; und sie führen ihn weit ab vom gängigen Pfad seiner Religion.

Dieser Gläubige ist Muhammad Sven Kalisch, seit 2004 der erste deutsche Professor für "Religion des Islam". Vor Wochen schon waren die sonderlichsten Dinge über ihn zu hören: dass er an der Existenz der Propheten Moses, Jesus und Mohammed zweifele. Dass er somit den Koran nicht als Offenbarung ansehe. Dass er eventuell Gott selbst infrage stelle, an eine Form hinduistischer Wiedergeburt glaube und dergleichen mehr. Vergangenen Freitag erklärte der Koordinierungsrat der Muslime in Deutschland offiziell: Man könne muslimischen Studierenden das Studium bei Kalisch nicht mehr empfehlen.

Was zunächst nach Gerüchteküche klingt, erweist sich im Gespräch mit Kalisch zum Großteil als begründet: Neuere kritische Forschungen zum Alten Testament findet er zunehmend überzeugend. Auch die Quellenlage zum Leben Mohammeds sei äußerst dürftig. Sollte dieser gelebt haben, könnten Teile des Korans womöglich auf seine Urheberschaft zurückgehen, andere aber der islamischen Theologie späterer Jahrhunderte entstammen. Und doch bleibt Kalisch dabei: "Ich bin Muslim. Ich halte den Ramadan ein. Der Islam ist die Tradition, aus der ich komme." Im Alter von 15 Jahren ist er zum Islam konvertiert. Dieselbe Nachdenklichkeit, die ihn zum Islam hinführt, treibt ihn jetzt anscheinend über die Grenzen der Lehre zu einer Art universellen Religion.

Dadurch geraten konventionellere Muslime in eine schwierige Lage. Immerhin soll Kalisch in Münster Islamkundelehrer ausbilden. "Diese Lehrer brauchen eine Orientierung", sagt der Zentralratsvorsitzende Ayyub Axel Köhler und seufzt: "Hätte er nicht den Mittelweg nehmen können? Irgendein Mittelding zwischen diesen sogenannten Fundamentalisten, die den Koran im Grunde nur missbrauchen, und … und dem, was er jetzt denkt?" Der Seufzer klingt milde angesichts der Radikalität, mit der Kalischs Überzeugungen den üblichen muslimischen Konsens verlassen. Doch zu diesem Konsens gehört eben auch, dass kein Muslim einem anderen den Glauben absprechen kann; zu solcher Toleranz hat sich der Zentralrat verpflichtet, und er hält sich daran.

Das nimmt dem praktischen Dilemma nicht seine Schärfe. Denn ideal ist die Situation nicht gerade für Studenten, die nicht kritische Religionswissenschaften studieren, sondern zum Islamkundelehrer ausgebildet werden wollen. Man stelle sich einen Professor vor, der diesen Studenten erklärte, was Muslime glauben – und gleich dazu sagte, dass das meiste in seinen Augen Irrtum sei! Und doch: Auch von einer etwas orthodoxeren Warte aus kann man Kalisch den Respekt nicht verwehren. Nicht aus Leichtsinn, sondern aus Liebe zur Wahrhaftigkeit denkt er Fragen weiter, vor denen andere zurückschrecken würden. Noch in seinen "ketzerischsten" Thesen folgt er der koranischen Aufforderung zum Gebrauch der Vernunft: notfalls bis an den Rand des Glaubens oder darüber hinaus.