Die Sowjetunion verfolgte eine komplexe Strategie. Auf der diplomatischen Ebene wollte Andropow aus einer Position der Stärke heraus über Interkontinentalraketen verhandeln. Das eigentliche Ziel war jedoch, die Aufstellung der Pershing-II-Raketen und der Marschflugkörper in Mitteleuropa zu verhindern. Daher suchte die Sowjetunion Einfluss auf die Medien im Westen zu nehmen, um die Proteststimmung in der Bevölkerung zu schüren.

Das allerdings war völlig überflüssig. Denn in jenen Tagen gingen, von der Angst vor einer atomaren Katastrophe getrieben, überall in Westeuropa die Menschen auf die Straße. Wie einst, als in der ersten Hochphase des Kalten Krieges während der fünfziger Jahre Hunderttausende gegen den "Atomtod" demonstriert hatten, gab es jetzt wieder Kundgebungen riesigen Ausmaßes. Im Oktober 1981 protestierten rund 300000 Menschen im Bonner Hofgarten gegen die atomare Aufrüstung, in Brüssel waren es 200000, im November 1981 in Amsterdam 400000. Als Reagan im Juni 1982 Bonn besuchte, demonstrierte eine halbe Million Menschen gegen seine Politik. Ein Jahr später versammelten sich in Brüssel rund 400000 Menschen zu einem Protest, in Den Haag etwa 550000. Doch unbeeindruckt hielt die Nato am Doppelbeschluss fest: Im Juli 1982 wurden die ersten sechs Marschflugkörper in Großbritannien aufgestellt, im Dezember 1983 sollten einige Mittelstreckensysteme in der Bundesrepublik und in Italien folgen.

Wie Gordiewsky schreibt, hatte Andropow bereits im Mai 1981, noch als Chef des Geheimdienstes KGB, die Operation Rjan angeordnet, benannt nach dem russischen Begriff raketno-jadernoje napadenije (atomarer Raketenangriff), den die Vereinigten Staaten angeblich planten. Rjan hatte Priorität, alle anderen Geheimdienstoperationen mussten zurückstehen. Laut Gordiewsky war Rjan eine gemeinsame Aktion des Geheimdienstes KGB und des militärischen Nachrichtendienstes GRU – ein Novum in der Geschichte der beiden Dienste, denen ein sorgsam gepflegtes Spannungsverhältnis nachgesagt wird.

Die KGB-Residenturen in den wichtigsten westlichen Ländern wurden beauftragt, nach allen nur denkbaren Anzeichen des angeblich geplanten Atomüberfalls zu suchen. Ließen sich erhöhte Aktivitäten in bestimmten Ministerien und Ämtern feststellen, vor allem an Wochenenden und Feiertagen? Die Agenten mussten nachts die beleuchteten Fenster in den Verteidigungsministerien zählen und die Belegung der Parkplätze beobachten. Wurden Urlaubssperren in den Ministerien erlassen? Gab es vermehrt Aufrufe, Blut zu spenden? Ließen sich in Banken und Postämtern erhöhte Aktivitäten feststellen? Sogar die Schlachthöfe standen unter Beobachtung: Massenschlachtungen konnten bedeuten, dass der Westen sich für die Tage des Atomüberfalls einen Fleischvorrat zulegte.

Rjan dauerte fast drei Jahre und war die größte Geheimdienstoperation in der Geschichte der Sowjetunion. Mehrere osteuropäische Dienste schlossen sich der weltumspannenden Operation an. Obwohl viele KGB-Mitarbeiter einen Atomüberfall für unwahrscheinlich hielten, zählten sie pflichtgemäß die beleuchteten Fenster und berichteten an die Zentrale. Als die Nato für Anfang November 1983 das Stabsmanöver Able Archer ankündigte, bei dem auch der Start von amerikanischen Atomraketen in Europa simuliert werden sollte, war Moskau alarmiert: Able Archer musste der Termin des gefürchteten Schlags gegen die Sowjetunion sein.

Gut möglich, dass Stanislaw Petrow weder von der Operation Rjan noch von Able Archer je etwas gehört hatte. Der Oberstleutnant war Analytiker, seine Arbeit bestand darin zu interpretieren, was die Bildschirme sagten. So auch in der Nacht des 26.September, die sein Leben auf den Kopf stellen sollte. Nach wie vor blinkte die rote Taste mit dem Signal "Start" an seinem Dienstplatz. In einer Hand den Telefonhörer für die Meldung an seine Kommandozentrale, in der anderen das Mikrofon für den Kontrollraum, musste Petrow schnell entscheiden: Was sagten die Bildschirme tatsächlich? Erkannte er jetzt auf Angriff, dann wäre die Alarmkette wohl nicht mehr zu stoppen gewesen.

Über das, was nun folgte, liegen keine gesicherten Erkenntnisse vor. So ist nicht bekannt, wann genau Petrow seine Entscheidung traf. Die Vereinigten Staaten würden, so wusste Petrow, einen atomaren Erstschlag nicht von einer einzigen Raketenbasis aus starten. Und sie würden einen Überfall nicht mit wenigen Atomraketen unternehmen. Das wäre Selbstmord, die Sowjetunion wäre immer noch zu einem Gegenschlag in der Lage gewesen. Ein atomarer Überfall würde von allen Basen mit der größtmöglichen Anzahl von Raketen gestartet werden. Es sprach also alles für ein Missverständnis. So traf Petrow seine einsame Entscheidung – noch bevor die Meldung der Radarstationen eintraf – und meldete offiziell einen Fehlalarm. Bange Minuten vergingen, die sich endlos hinzogen. Dann kam die befreiende Nachricht des Bodenradars: Es befanden sich keine Raketen im Anflug, der Himmel über der sowjetischen Arktis war leer.