Eine Stunde später baute sich Petrows oberster Chef vor ihm auf: Generaloberst Jurij Wotinzew, Jahrgang 1919, ein Veteran des Großen Vaterländischen Krieges. Wotinzew war scheinbar in guter Stimmung und stellte Petrow eine Auszeichnung in Aussicht. Doch dann wollte er wissen, warum er das Dienstbuch nicht geführt habe, das sei Vorschrift.

Eine hochrangige Kommission trat zusammen und untersuchte die Vorgänge jener Nacht schonungslos. Die Mitglieder waren neben Wotinzew jene Fachleute, die das System der Raketenüberwachung aufgestellt hatten. Die Untersuchung ergab, dass der Satellit Kosmos 1382 eine starke Reflektion von Sonnenstrahlen auf einer Wolkenschicht als Startblitz von Interkontinentalraketen interpretiert hatte. Irritiert stellte die Kommission eine Vielzahl von Fehlern des neuen Systems fest, die nationale Überwachung war alles andere als perfekt.

Die Kommission war ungehalten – und suchte Petrow zum Sündenbock zu machen. Denn seine einsame Entscheidung als Heldentat zu würdigen und ihn auszuzeichnen, wie es ihm gebührte, hätte ja bedeutet, das System als Ganzes infrage zu stellen. Das durfte nicht sein. Monatelang zog sich die Untersuchung hin. Am Ende gestand die Kommission lediglich ein, dass Stanislaw Petrow sich mehr oder weniger einwandfrei verhalten hatte.

Die Missstände des Überwachungssystems, so heißt es, wurden abgestellt. Petrow bekam einen anderen Posten zugewiesen. Er wurde krank und ging in Pension, ein gebrochener Mann mit ruinierter Gesundheit. "Ich wurde weder bestraft noch belohnt", stellt Stanislaw Petrow heute nüchtern fest und betont, dass er nicht entlassen wurde, sondern aus eigenem Entschluss seiner kranken Frau wegen der Armee den Rücken gekehrt hat.

"Es ist nett, dass Sie mich für einen Helden halten"

Der Bericht der Kommission liegt bis heute unter Verschluss. So kann man nur darüber spekulieren, ob der Atomalarm den Kreml schon erreicht hatte. Petrows einsame Entscheidung wäre wohl nicht bekannt geworden, hätte nicht 1998 sein ehemaliger Chef Wotinzew, nun ebenfalls Pensionär, in einem Interview auf das Verdienst des Oberstleunants a. D. hingewiesen. Die Reaktion der russischen Armee ließ nicht lange auf sich warten. Generalmajor Wladimir Dworkin, ein anerkannter Fachmann auf dem Gebiet strategischer Atomwaffen, erklärte grimmig: "Petrow hat nichts gerettet und konnte es auch nicht." Das alles sei ziemlicher Unsinn. Warum, sagte Dworkin nicht.

Atomare Fehlalarme gab es auch auf amerikanischer Seite, allein zwischen November 1979 und Juni 1980 dreimal. Alle wurden innerhalb weniger Minuten als solche erkannt: Mal war ein irrtümlich eingespieltes Übungsband für einen Probealarm die Ursache, mal waren es fehlerhafte Computerchips. Doch so nah wie in jener Septembernacht vor 25Jahren kam die Welt der Katastrophe wohl nie.