Die von Jürgen Rüttgers geführte CDU in Nordrhein-Westfalen versucht wieder einmal, sich als wahre Vertretung der Arbeitnehmerinteressen zu profilieren. Vergangene Woche verabschiedete die Düsseldorfer Landtagsfraktion "Eckpunkte" zur Tarifautonomie. In dem Beschlusspapier werben die Unionspolitiker für starke Gewerkschaften. Sie sprechen sich für einen Tarifbonus aus, den nur Gewerkschaftsmitglieder bekommen sollen, und sie verlangen harte Strafen für Arbeitgeber, die heimlich Pseudogewerkschaften finanzieren.

Man kann das Papier populistisch nennen, denn große praktische Bedeutung haben die Vorschläge nicht. Es geht der Union eben mehr um das Signal: "Schaut her, wir sind Freunde der Gewerkschaften, wir kämpfen für sie!" Aber gerade das ist das Spannende an dem Vorstoß. Auf einmal ist es populär, auf der Seite der Gewerkschaften zu stehen. Und zwar nicht nur für Sozialdemokraten oder selbst ernannte "Linke". Die Mitte hat ihre Position verändert.

Vor wenigen Jahren noch war es für diese Mitte normal, Gewerkschafter als "Betonköpfe" zu etikettieren. Oder das "Tarifkartell" zu geißeln, das ohne Rücksicht auf Beschäftigungschancen die Löhne in die Höhe schraube. Natürlich gibt es diese Kritik noch – aber sie ist eben nicht mehr in Mode.

Heute überwiegt eine andere Sicht: Danach sind die Gewerkschaften nicht zu stark, sondern zu schwach. Deshalb werden die Arbeitnehmer von den Unternehmen klein gehalten, sinken die Reallöhne, während Managergehälter und Gewinne steigen. Mitarbeiter werden bespitzelt, zu unbezahlten Überstunden getrieben und mit Leistungsanforderungen schikaniert. Gleichzeitig traktiert sie die Politik mit Zumutungen. Und wer wehrt sich gegen all das? Die Gewerkschaften. Auf einmal sind sie die Guten.

Diese neue Sichtweise ist genauso verzerrt wie die alte. Man mag mancher Kritik der Gewerkschaften an Fehlentwicklungen zustimmen, aber die Arbeitnehmerlobbyisten deshalb zu den Rettern des Sozialstaats zu verklären ist so absurd wie die Fundamentalkritik zuvor. Wenn der DGB zum Beispiel in seinem Aufruf zum 1. Mai die Rücknahme der Rentenreformen "der vergangenen Jahrzehnte" fordert, zeugt das nicht gerade von ausgeprägtem Problembewusstsein. Und wenn Gewerkschafter hohe Managervergütungen anprangern, als Mitglieder in den Aufsichtsräten aber nichts dagegen unternehmen, erscheint das ebenfalls wenig überzeugend. Zudem gibt es unter den Arbeitnehmervertretungen eine wachsende Schar von Spartengruppierungen wie die Ärztevereinigung Marburger Bund oder die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer. Denen wünscht man nicht unbedingt noch mehr Macht.

Viel wäre gewonnen, würden die Gewerkschaften mit ihren Stärken und Schwächen einfach nüchterner gesehen. Sie können durchaus eine wichtige Funktion wahrnehmen, wenn sie Interessen bündeln, ein Machtgefälle zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern verringern und es ermöglichen, Verteilungskonflikte nach geordneten Regeln zu lösen. Einige Branchen würden von mehr gewerkschaftlicher Organisation profitieren – etwa die neuen Postdienstleister, das Wachgewerbe oder Teile des Einzelhandels. Manche Missstände, etwa die Bespitzelung von Mitarbeitern oder krasse Fälle niedriger Bezahlung, ließen sich dann wahrscheinlich vermeiden.

Rüttgers’ Initiative hilft dabei aber nur wenig. Einen besonderen Bonus für Gewerkschaftsmitglieder, wie die Christdemokraten ihn empfehlen, gibt es schon. Die IG Metall in Nordrhein-Westfalen nutzt ihn seit einigen Jahren (weshalb Jürgen Rüttgers 2004 übrigens "Tarifprivilegien für Gewerkschaftsmitglieder" in einer CDU-Entschließung geißelte). Allerdings setzt das Grundgesetz solchen Sonderregeln enge Grenzen. Die Gewerkschaften dürfen einen Arbeitgeber nicht dazu verpflichten, jemanden schlechter zu stellen, der von der Freiheit Gebrauch gemacht hat, sich ihnen nicht anzuschließen. Viel geht über den Bonus daher nicht. Auch von den Strafen für arbeitgeberfinanzierte "Scheingewerkschaften" darf man nicht viel erwarten. Es gab skandalöse Fälle, etwa im Bereich der neuen Postdienste, in denen man sich harte Sanktionen gewünscht hätte. Aber das Problem schwacher Gewerkschaften in Problembranchen löst man so nicht.