Javier Ponce hat Romane geschrieben, Gedicht- und Essaybände publiziert und politisches Geschehen in Kommentaren klug analysiert. Geduldig hat er zudem Freunden sein Ecuador, ja ganz Lateinamerika erläutert. Die Sumatrazigarre ging dabei nie aus, selbst als er im April 2005 im Büro saß und unten auf den Straßen gerade der Aufstand tobte, mit dem die Bürger von Quito den Obristen-Präsidenten Gutiérrez stürzten.

Doch in diesem Frühjahr nahm das Gespräch nicht den gewohnten ruhigen Verlauf. Alle paar Minuten betrat ein goldbetresster Ordonnanzoffizier mit hoch erhobenem Handy den privaten Raum, und Ponce stürzte mit Handy und Schulterzucken auf den Flur hinaus. Wenige Tage zuvor war ausgerechnet der 60-jährige Intellektuelle zum Verteidigungsminister ernannt worden. Ecuadors gemäßigt linker Präsident Rafael Correa traut ihm am ehesten zu, die konservative Militärführung mit ihren alten CIA-Seilschaften zu kontrollieren und zu größerer Loyalität anzuhalten.

Diese Amtsübernahme ist an sich schon einer der ungewöhnlichsten Fälle, seit die Briten 1684 das erste Kriegsministerium der Welt schufen. Noch seltener aber trifft es sich wohl, dass ein Lateinamerikaner Verteidigungsminister wird und nur Monate später mit einem Buch über Entwicklungshilfe auf dem deutschen Markt erscheint. Doch hat selbst dieses Buch mit Verteidigung zu tun. Der Autor schreibt sensibel reflektierend und ohne Polemik gegen die Wende der reichen Länder von der Entwicklungspolitik zur reinen Armutsbekämpfung an.

Ponce, der seit Ende der sechziger Jahre soziale Entwicklungsprogramme selbst begleitet und geleitet hat, breitet eine ebenso wertvolle wie ungeordnete Sammlung kleinteiliger Bestandsaufnahmen und Lebenserfahrungen aus. Er beschreibt Missverständnisse und Gewöhnungsprozesse zwischen den sogenannten Entwicklungshelfern, Staatsbeamten und Indiobauern, mischt Dorfszenen und Fallbeispiele darunter, Sitzungsprotokolle hoffender und zweifelnder NGOs, wunderbare und wunderliche Zitate von längst eingesessenen Ausländern wie nie in Europa angekommenen Soziologen und Politologen Lateinamerikas. In den besten Passagen über das Warten der Landbevölkerung auf Versprechungen, dass der Fortschritt ihr Leben verändern werde, verbindet Ponce die Bildersprache von García Márquez mit der der bitteren Trauer eines Eduardo Galeanos. Seine theoretischen Überlegungen lassen den Autor dagegen bisweilen in allzu regionale und auch sprachlich dürre Gefilde abschweifen. Für die Mühen solcher Ebenen wird der Leser durch Ponces differenzierte Beobachtungen und Urteile entschädigt.

"Die Freunde der ausländischen Hilfswerke", bilanziert der Autor, "mit denen wir alle diese Jahre diskutierend verbrachten, haben uns im Lauf dieser Zeit wohl besser kennengelernt, aber ihre Gesellschaften haben sich immer mehr eingeigelt und die Unkenntnis der anderen durch Angst vor den anderen ersetzt. Uns bedrängt die ausufernde Armut und Korruption. Die Europäer werden immer abhängiger von den Mitteln ihrer vor Angst und Misstrauen kranken Staaten."

Nicht zuletzt deshalb ist die Forderung nach Nachhaltigkeit der Entwicklungshilfe auch in Europa allenthalben zur Litanei geworden. Nachhaltige Ergebnisse jedoch sind nur zu erwarten, wenn die Zusammenarbeit nicht allein auf importierten Projekten basiert, sondern auf dem ständig neu zu erwerbenden Verständnis der Gedanken- und Gefühlswelt der "anderen" Gesellschaften. Die mühevollen, aber einzig gangbaren Wege dorthin beschreibt dieses Buch der Entwicklungspolitik.

Javier Ponce: Sackgassen des Helfens. Eine Bilanz aus Lateinamerika