Manchmal fassen wenige Sätze ein Dilemma globaler Veränderung zusammen. Clayton Jones hat solche Sätze vor Kurzem ausgesprochen. Er ist der Vorstandschef von Rockwell Collins Inc., einem führenden amerikanischen Hersteller von elektronischen Geräten für die Luftfahrt. "Wir verstehen schon, dass die Chinesen eine eigenständige Industrie entwickeln wollen", sagte er, "aber wir wollen so lange wie möglich daran teilhaben. Wenn wir es nicht tun, macht es jemand anders."

Kompakter kann man das aktuelle Problem im Umgang mit Fernost nicht umschreiben: Unternehmen aus dem Westen sollen den Chinesen helfen, deren – ebenfalls meist westliche – Konkurrenz unter Druck zu setzen, auch wenn sie damit langfristig ihre eigene Wettbewerbsposition riskieren. Solche Gedankenspiele kannte man zuvor vor allem aus der Textilwirtschaft, der Spielzeugproduktion und dem Maschinenbau. Nun aber nehmen die Chinesen auch bei der Herstellung von Flugzeugen den Wettbewerb mit Boeing, Airbus & Co auf. Sie beherrschen bislang die Königsdisziplin der Ingenieurkunst, eine der letzten Domänen, in die China noch nicht vorgedrungen war.

Das könnte sich bald ändern: In den nächsten Wochen soll der Advanced Regional Jet for the 21st Century, im Luftfahrtjargon unter dem Kürzel ARJ 21 bekannt, zu seinem offiziellen Jungfernflug abheben. Die mittelgroße Propellermaschine, die bis zu 110 Passagiere gut 3700 Kilometer weit transportieren kann, ist die erste Eigenentwicklung der Chinesen. Pro Stück kostet sie 30 Millionen Dollar.

Die chinesischen Offiziellen bersten vor Stolz. Die ARJ 21 sei "ein Meilenstein für China", sagte Zhang Yunchan, der Chef der Kommission für Forschung, Technik und Industrie für nationale Verteidigung. Der Jet trägt den Beinamen Xiang Feng, das bedeutet Fliegender Phönix. Er soll für Landungen in der dünnen Luft des chinesischen Hochlands ebenso geeignet sein wie für die große Hitze und die häufigen Turbulenzen im Süden. Zudem biete er im Innenraum mehr Platz als die Modelle der Konkurrenz, behauptet der Hersteller. Da viele Chinesen gern mit großen Mengen unförmigen Handgepäcks unterwegs sind, ist dieser Hinweis durchaus sinnvoll.

"Das Flugzeug ist nicht sehr fortschrittlich"

Der ARJ 21 wird etwa zur Hälfte von westlichen Zulieferern bestückt. Aber für die Unternehmen ist das kein Grund zum Jubeln. Und schon gar kein Anlass zur selbstzufriedenen Feststellung, dass die Chinesen noch lange auf westliche Hilfestellung angewiesen sein werden.

Ein sehr mächtiger Konkurrent entsteht, der zudem unablässig Wertschöpfung und Wissen nach China saugen wird. Schrittweise eignen sich die Chinesen somit westliche Technologien an, um mittelfristig auf eigenen Beinen stehen zu können. Das ist ihr gutes Recht, ja sogar ihre Pflicht, denn auch die Chinesen müssen Arbeitsplätze für ihre Leute schaffen, soll der wirtschaftliche Aufschwung weitergehen. Zudem hat das neue Flugzeug eine sozialpolitische Funktion – und wird auch deshalb von der Regierung unterstützt. Es soll das ärmere Hinterland im Westen mit den Boomregionen an der Küste vernetzen.