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Wenn es ein Drittes gibt zwischen der Liebe und der Freundschaft, dann findet man es im Briefwechsel von Detlev und Felicitas. Schon ihre Pseudonyme richten sich hoffnungsvoll an ein Du, das über den Sorgen steht. Denn die Briefe, die sich Walter Benjamin und Gretel Karplus zwischen 1930 und 1940 geschrieben haben, kommen direkt aus Vertreibung, Entrechtung, Exil, Aussichtslosigkeit. Die Zuneigung aber, die ihnen die Feder führt, eine Zuneigung von verletzlichster Offenheit und nobelster Behutsamkeit, fliegt hoch über all das hinweg. So stellt man sich die Zärtlichkeit von Schutzengeln vor.

Karplus und Benjamin hatten sich 1928 kennengelernt, 1933 emigriert Benjamin nach Frankreich, und wie er hier unter erbärmlichen Umständen arbeitet, bis ihn 1940 die Ausweglosigkeit in den Freitod treibt, ist die intellektuelle Märtyrergeschichte des 20. Jahrhunderts schlechthin. Gretel Karplus ist, bis sie 1937 in London ihren langjährigen Verlobten Theodor W. Adorno heiratet, in Berlin geblieben. In den Briefen gibt sie sich als Werbende, die nach "Deinem Wort hungert" – tatsächlich aber war sie es, die promovierte Chemikerin, seit 1933 immerhin Teilhaberin einer Handschuhfabrik, die alles organisierte. Sie versorgte Benjamin mit Büchern, seinem geliebten Schreibpapier und vor allem mit Ermunterungen und Geld, das sie mit diplomatischer Beiläufigkeit erwähnt.

Der Wert ihrer Post wuchs für die Brieffreunde mit ihrer Einsamkeit. Benjamin war mehr und mehr isoliert, auch an Gretel Karplus fraß die feindliche Umwelt. Doch davon ist wenig die Rede. Die beiden diskutieren Benjamins Projekte, witzeln über Filme, klatschen über Bekannte wie "Berta" Brecht. Sie berichtet von ihrer Migräne und unfähigen Ärzten ("Dienstboten mit Abitur"), er, stets trockener, von seinen Studien. Seine stilistische Eleganz lässt dabei eine Nähe zu, in der sich mit Worten knuddeln und liebkosen dürfen. Natürlich geht es auch um den Dritten im Bunde – Adorno. Mit Teddie korrespondiert das Sorgenkind Benjamin per Felicitas-Umweg über Hochtheoretisches.

Gut die Hälfte der erhaltenen Briefe lesen Johanna Wokalek und Martin Wuttke nun wie ein Zwiegespräch in tiefen Atemzügen. Wuttke hat bereits den Benjamin des Adorno-Briefwechsels gelesen, mit Hanns Zischler als Partner, der Adornos Nominativkaskaden so süffisant vortrug, dass man fast sachte Ironie darin hörte (ebenfalls bei speak low, 2006). Wuttke las und liest in sich gekehrt, zunehmend verschattet. Damit trifft er Benjamins kühles Klagen, dem es, ohne Selbstmitleid, stets nur um die Arbeit geht. Johanna Wokaleks milde Gretel Adorno bewahrt sich, als wärmender Gegenpol, bis zuletzt die Hoffnung in der Stimme. Die Auswahl der Briefe hat der Benjamin-Herausgeber Henri Lonitz betreut. Er erklärt sonor das wenige, das die beigefügte Namensliste nicht erschließt. Am wichtigsten bleibt ohnehin der zarte, helle Ton der Zuneigung, in dem sich Detlev und Felicitas so hoffnungsvoll der unverlässlichen Post anvertrauen.

Gretel Adorno/Walter Benjamin: Briefwechsel

speak low; 3 CDs, 238 Min., 23,90 €