jazz

Der Schwede Bobo Stenson ist längst darüber hinweg, irgendwem, und sei es sich selbst, etwas beweisen zu müssen. Ihn kann nicht mehr ärgern, dass im europäischen Jazz seine Kunst des Piano-Trios bei oberflächlichem Hinhören als wenig spektakulär und bei genauerem Hinhören beharrlich als bloße Fortsetzung des Bill-Evans- oder Keith-Jarrett-Konzepts verkannt wird. Er ist ein Meister der Selbstergründung, was einen Kollegen schon mal zum Satz verleitete, seine Noten "hingen in der Luft wie das, was Wordsworth ›Gedanken zu tief für Tränen‹ nannte". Mir kommt eine Goethe-Strophe in den Sinn: "Alles schwankt ins Ungewisse / Nebel schleichen in die Höh’ / schwarzvertiefte Finsternisse / Widerspiegelnd ruht der See". Das trifft seine fragil-poetische Schattenkunst nicht schlecht.

Aber in seinem weiten musikalischen Kosmos spukt auch ein Humorist, ein Liebhaber von scharf gezeichneten, kleinen skurrilen Wendungen und tänzerischer Ausgelassenheit. Auf Stensons jüngster CD mit dem programmatischen Titel Cantando haben kollektiv improvisierte Spontan-Erfindungen mit dem alten Partner Anders Jormin (Bass) und dem neuen Jon Fält (Schlagzeug) ebenso Raum wie eine Komposition des kubanischen Sängers Silvio Rodriguez, volksliedinspirierte Originale von Jormin, ein Tango von Piazzolla, eine ans Herz greifende Ballade von Don Cherry und das genannte Tänzchen von Ornette Coleman, dazu, neben einem Standard, ein schönes Stück des tschechischen Sakralmusikers Petr Eben und Alban Bergs Liebesode von 1907. Insgesamt die denkbar bewegendste Piano-Trio-Musik. Peter Rüedi

Bobo Stenson: Cantando (ECM 2023)