Wenn die Brandstifter unter Russlands Polittechnologen die Ukraine bis zum Zerfall destabilisieren wollten, würden sie den Hebel in der Krim ansetzen. 70 Prozent ethnische Russen leben hier. Nach dem Zerfall des sozialistischen Großreiches endete ein erster Abspaltungsversuch in den neunziger Jahren mit der Amtsenthebung des Krimpräsidenten. Die prorussische Großmäulerei seither und die ritualisierten Anti-Nato-Proteste an den Sewastopoler Kaimauern klingen erst durch Russlands Feldzug gegen Georgien wieder gefährlich. Waffen als ein durchschlagendes Argument wären auf der russischen Schwarzmeerflotte in Schussweite reichlich vorhanden.

An der Unzufriedenheit vieler Krimbürger ist auch die Zentralregierung in Kiew schuld: Präsident Wiktor Juschtschenko erzielt mit seiner ideologisierten Ukrainisierungspolitik einen Abstoßungseffekt. Alle Spielfilme im Kino oder Fernsehen müssen entweder ukrainisch synchronisiert oder untertitelt sein. So treibt er die russischsprachigen Zuschauer zu den russischen Fernsehsendern mit ihrer antiukrainischen Propaganda.

Filialen russischer Universitäten locken die Jugendlichen, denen die prestigeträchtigen Kiewer Hochschulen wegen mangelnder Ukrainekenntnisse verschlossen bleiben. Sie bieten ein Studium an, Aufenthalt in Moskau inklusive. Als mögliche "fünfte Kolonne" Moskaus verdächtigen viele Ukrainer zudem die russische Gemeinschaft der Krim, die Kommunisten und die Fußtruppen der erstarkenden Kosakenunion.

Im Moment braucht der Kreml die Krim aber nicht. Der zirkusreife Machtkampf unter den führenden Kiewer Politikern, dem am Dienstag die orangefarbene Koalition zum Opfer fiel, bietet genug Einflussmöglichkeiten. Das Störpotenzial Krim bleibt Moskau erhalten und dürfte spätestens bei einer realistischen Nato-Perspektive der Ukraine oder zur Neuverhandlung des Stationierungsabkommens der russischen Schwarzmeerflotte, das 2017 ausläuft, in den Blickpunkt geraten. Mit der Spaltung der Ukraine als Folge eines Nato-Beitritts hat Moskau vorsorglich schon gedroht. Eine denkbare Einsatzmission Russlands wäre der Schutz der Krimbewohner mit russischem Pass – vor der ukrainischen Zentralregierung oder den 250000 Krimtataren, die seit den späten achtziger Jahren aus der Verbannung in ihre angestammte Heimat zurückkehren und das Land ihrer Vorväter beanspruchen. Johannes Voswinkel