Meine berufliche Plattform ist das Druckereigewerbe. Ich habe in Leipzig Schriftsetzer gelernt und hatte das Glück, an tollen Produktionen mitzuarbeiten. Bei einer Tätigkeit, die viel von der eigenen Persönlichkeit abverlangt, ist es wichtig, dass man mit dem Endprodukt zufrieden ist. Wir konnten damals in der alten DDR schicke Sachen für den Export machen. Besonders gelungen war eine Ausgabe der Ringelnatz-Erzählung Zwieback hat sich amüsiert .

Aus dieser Zeit stammt mein Hang zum Konservativen. Die Pflege des Gedruckten in seinen Ursprüngen ist mir ein großes Anliegen: Was kann man heute mit dem Medium Zeitung ausrichten? In den zehn Jahren, die ich für die deutsche Tageszeitung Die Welt gearbeitet habe, als auch in den fünf Jahren als Art-Direktor bei der ZEIT , war es mir stets wichtig, die Stärken der Zeitung zu betonen. Sie ist ja an und für sich kein sterbendes Medium, wie es so oft behauptet wird. Wohl sind bestimmte Trends dem Untergang geweiht. Wenn man aber Tiefgründigkeit, Ausgeruhtheit und Gemütlichkeit ins Zentrum rückt, dann lässt sich sehr viel mit einer Zeitung anfangen.

In diesem Sinne zieht sich eine Linie von dem klassizistischen Ringelnatz-Band bis zu meiner jüngsten Herausforderung. Wir haben ein Jahr lang am Erscheinungsbild der Wiener Stadtzeitung Falter gearbeitet. In dieser Woche erscheint die erste Ausgabe im neuen Gewand. Wir mussten eine Form finden, in der lange Texte präsentiert werden können, ohne abschreckend zu wirken. Zudem war mir wichtig, eine etwas barockere Typografie aufzusetzen. Wir gehen von der serifenlosen Überschrift weg und verwenden stattdessen exotische Schriften.

Unsere Brotschrift ist in der Zeitungslandschaft nie zuvor aufgetaucht: Die Weidemann wurde von dem Grafiker Kurt Weidemann geschaffen, den vor allem Werbearbeiten für Mercedes Benz berühmt gemacht haben. Diese Schrift ist mit ihrer starken Ausstrahlung ein Bekenntnis zum Text, weil der Falter ja für ein lesendes Publikum gemacht wird. Für Überschriften und Logos setzen wir die Parkinson ein, eine Magazinschrift, die Jim Parkinson für den Rolling Stone entwickelt hat. Außerdem wird es im Falter jetzt auch Farbfotos geben, die allerdings als Stilmittel sehr differenziert eingesetzt werden. In dieser Hinsicht werde ich wohl eher als Bremser auftreten müssen.

Da ich meinen Wohnsitz in Berlin auch während meiner Arbeit in Wien beibehalten habe, sind mir die Parallelen zwischen diesen Städten stets bewusst. In Wien und in Berlin werden kyrillische Buchstaben nicht als bedrohlich aufgefasst. Das ist in anderen westlichen Städten nicht so.

Aufgezeichnet von Ernst Schmiederer

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