Nun ist es schon wieder viel ruhiger in Peking, nur die Rollstuhlbasketballer im Fernsehen machen unangenehme Geräusche, wenn sie mit ihren Stühlen aneinandergeraten. Es wird Herbst. Die stehende Hitze ist weg. Die Abende sind lau wie im deutschen Sommer. Dazwischen großartige Gewitter; tagsüber fast jeden Tag ein Licht wie in Vancouver. Der Himmel ist tiefblau. Vom Dach des Jazzcafés von Liu Yuan sieht man die Westberge hinter dem Houhaisee. Ich hatte sie fast vergessen. So könnte es immer bleiben. Denn bis zum 20. September darf nur die Hälfte der Autos fahren, je nach geraden und ungeraden letzten Zahlen auf den Nummernschildern. Viele Fabriken sind noch stillgelegt. Am Tisch eine Diskussion unter jungen Chinesen: "Gute Luft, ja – aber deshalb nicht immer Auto fahren? Ich weiß nicht." – "Ich habe mein Auto erst zwei Jahre. Es ist noch nicht einmal abbezahlt." Freundschaften teilen sich inzwischen nach geraden und ungeraden Tagen. "Kommst du heute?" – "Nee, ich bin ungerade." Wenn doch beides ginge: Auto fahren und gute Luft atmen. Doch die Elektroautos sind noch viel zu teuer. Elektrofahrräder zu uncool. Sie gehören zum Standard der kleinen Angestellten. Da setzt sich kein Yuppie drauf. Dann lieber Taxi. Und so werden wir bald wieder im Stau stehen und uns ärgern, dass die Regierung nichts gegen die Umweltverschmutzung tut.

Jeden Morgen weckt mich ein Anachronismus. Dann fährt nämlich gemächlich ein Pferdewagen durch meine Straße in der ansonsten pulsierenden Innenstadt von Tel Aviv. Während die Hufe laut auf dem Asphalt klappern, ruft der Kutscher immer wieder ein lang gezogenes "Alte Sachäään" in sein Megafon. Jedes Kind weiß, was gemeint ist – "alte Sachen" zählt längst zum hebräischen Vokabular. Auf ihrer täglichen Route lesen die Altwarensammler ausrangierte Fernsehapparate und Computer auf, manchmal auch antike Möbelstücke, die von den Besitzern einst noch aus Deutschland mitgebracht worden waren. Denn ihre Nachkommen finden in der Regel nur neue Sachen schick – in einer Mischung aus permanenter Aufbruchstimmung und westlicher Konsumorientierung. "Alt" ist in Israel freilich ein relativer Begriff. Jerusalem hat mehrere Tausend Jahre auf dem Buckel. In Tel Aviv mit ihren gläsernen Hightechtürmen gelten schon Häuser als alt, die in den 1980er Jahren gebaut wurden und durch das Meeresklima schon renovierungsbedürftig sind. Tel Aviv zählt gerade einmal 99 Jahre, und die älteren Einwohner erinnern sich noch gut an die vielen freien Flächen voller Sanddünen, was man sich heute nur schwer vorstellen kann. Als ich einen von ihnen danach fragte, ob es auch schon zu seiner Jugendzeit die Altwarensammler mit ihren Pferdewagen gegeben habe, konnte er sich nicht erinnern. Aber er sei sich sicher, dass er heute selbst zu den "alten Sachen" gehöre.

Einmal im Jahr lädt die ZEIT-Stiftung zu einer Gerd Bucerius Lecture in das von der Stiftung ins Leben gerufene Deutsche Historische Institut in Moskau ein. Am Montag trat Richard von Weizsäcker ans Rednerpult. Für die Entgegnung wurde Michail Gorbatschow gewonnen. Weizsäcker sprach von seinen Soldatenjahren, als er mit Tolstojs Krieg und Frieden im Tornister bis kurz vor Leningrad gezogen war. Das Erstaunen der deutschen Kriegsgeneration war zu spüren, wie schnell nach historischen Maßstäben die Russen den Hitler’schen Überfall und die deutschen Verbrechen vergeben haben. Seinen bedachten Worten folgte Gorbatschow mit emotionalen Erzählgirlanden. Er beklagte die erneute Militarisierung der Politik, die Enttäuschung über das zerstörte Vertrauen zu Amerika und ein tatenarmes Europa. Dem Westen las Gorbatschow für seine unbesehene Solidarität mit Georgiens Präsident Saakaschwili die Leviten und redete sich so in Fahrt, dass er aus Versehen die "sowjetische Armee" nach Südossetien ziehen ließ. Der beherrschte Deutsche und der erratische Russe erschienen wie das Klischeebild der beiden Völker. Gorbatschow hing mit Bitterkeit der heute selbst schon vergangenen Überwindung der Stereotypen an, und Weizsäcker redete dem Dialog das protestantische Wort. Es hörte sich fast altmodisch an, aber beide klangen zugleich aktuell dank ihrer Aufrichtigkeit in der Sorge um das Ost-West-Verhältnis. Das deutsch-russische Publikum klatschte angetan und ging nach zwei Nachfragen zum Büfett über.