Erst platzte nur die Immobilienblase, und das war schlimm genug. Doch jetzt birst eine viel größere Blase – die des angelsächsischen Finanzkapitalismus selbst. Aufgepumpt durch die Gier der Banker, das billige Geld der US-Zentralbank und unverantwortlich handelnde Politiker, ist er zum instabilen Gebilde mutiert.

Der Finanzsektor in den USA griff sich einen unnatürlich großen Teil vom gesamten Kuchen. Man muss sich das einmal vorstellen: Zwischen 1982 und 2007 hat sich der Anteil der Gewinne der US-Finanzindustrie an der Wirtschaftsleistung in den Vereinigten Staaten versechsfacht. Am Ende rissen die Banker ein Drittel aller Unternehmensgewinne an sich. Erst standen hinter der Entwicklung echte Innovation und Leistung, sei es durch neue Finanzprodukte oder geschickte Spekulation. Doch dann schlug die Methode in Wahnsinn um. Die Banker verscherbelten unsichere Kredite als Spitzenware, wurden reich und reicher – und entzogen sich selbst den Boden.

Elf Finanzinstitute in Amerika sind in diesem Jahr schon Bankrott gegangen. Der führende Versicherungskonzern kämpft gegen die Pleite. Die großen Investmentbanken, das Herz des Finanzkapitalismus an der Wall Street wie in der Londoner City, sind eine aussterbende Art.

All das ist noch keine Weltwirtschaftskrise, aber die Welt gerät immer tiefer in die Bredouille. Diese Woche markiert das endgültige Ende der Ära Greenspan, der als Notenbankchef der USA so viel Geld in die Wirtschaft pumpte. Und es ist das – zumindest vorläufige – Ende der Weltherrschaft der angelsächsischen Finanzindustrie, der andere Länder nachstrebten und von der sie bedenkenlos Schulden übernahmen.

Auch auf diesem Gebiet verlieren die USA ihren Status als einzige Supermacht. In der multipolaren Welt werden östliche Staatsfonds ebenso mitreden wie europäische Gläubiger. Im Vergleich steht auch das deutsche Finanzsystem nun besser da. Eine Immobilienblase gibt es nicht. Die großen Banken haben gerade noch die Kraft bewiesen, durch Zusammenschlüsse das Finanzwesen selbst umzuformen. Und daneben existiert ein Sparkassensektor, der die Einlagen seiner Sparer erfolgreich an Betriebe weiterverleiht. Und doch steht Deutschland wie ein Kaninchen vor der Finanzkrisenschlange. Öffentliche Banken haben sich noch den größten Schuldenmist der Wall Street andrehen lassen, auch Privatbanken sind verstrickt in das Desaster, und die Regierung hat jede Gelegenheit ausgelassen, um der heimischen Wirtschaft mehr Schub zu verleihen und sie aus ihrer Abhängigkeit vom Rest der Welt und vor allem von den USA herauszulösen.

Ohnehin wäre es verkehrt, sich jetzt den Angelsachsen überlegen zu fühlen. Die Welt hat ja lange profitiert vom US-Boom, und ohne die Jongleure von der Wall Street wäre sie heute wohl ärmer. Auch wenn deren Welt nun zusammenbricht – einige von ihnen stehen in kleineren Instituten schon bereit für den nächsten Anlauf aufs große Geld.

Der Wohlstand in West und Ost wird nur kräftig weiterwachsen, wenn es gelingt, den Finanzkapitalismus zu zivilisieren, ohne ihn wegzuregulieren. Zwei Hoffnungen sind in dieser Hinsicht zerplatzt. Spekulative Fonds haben die Märkte nicht vor hoffnungsloser Überbewertung bewahrt, staatliche Aufpasser ebenso wenig.