Von wegen Überwachungsstaat. Wer in Deutschland bislang keine Steuererklärung abgab, obwohl er es nach dem Gesetz hätte tun müssen, brauchte sich nicht zu fürchten. Das Finanzamt fand ihn zufällig oder gar nicht. Etwa nach einem Umzug: Verlegte ein Rentner seinen Wohnsitz von Köln an den Starnberger See und meldete sich bei den Einwohnermeldeämtern korrekt ab und wieder an, erfuhren die Finanzämter davon in aller Regel – nichts. Erst wenn der Ruheständler seinem neuen Finanzamt in Bayern zum ersten Mal eine Steuererklärung schickte, wurden die Beamten auf ihn aufmerksam und forderten beim Kölner Finanzamt die Akten der vergangenen Jahre an. Vergaß oder beendete der Rentner das Steuererklären anlässlich seines Umzugs, konnte es sein, dass das über Jahre keinem auffiel.

So etwas soll künftig nicht mehr möglich sein. Jeder Bürger erhält in diesen Wochen einen Brief mit einer neuen Steueridentifikationsnummer, die er – anders als bisher – dann ein Leben lang behält. Es ist die größte Registrierungsaktion, die Deutschland je erlebt hat. Ein riesiger Datenpool entsteht. Bis Ende des Jahres soll jeder seine Nummer haben, vom Säugling bis zum Senior.

Künftig erfahren die Finanzämter automatisch, wer umzieht. Und erstmals werden auch die Rentner steuerlich zentral erfasst. Von 2009 an teilen die Träger der Rentenversicherung und auch die Lebensversicherer dem Bundeszentralamt für Steuern online mit, an wen sie Renten auszahlen und in welcher Höhe. Die Finanzämter können dann besser überprüfen, ob die Rentner ihre Steuern entrichtet haben – unbestreitbar ein Fortschritt auf dem Weg zu einer höheren Steuergerechtigkeit. Einige Rentner dürften sich indes ärgern, auf viele von ihnen dürften Nachzahlungen und Verspätungszuschläge zukommen. Die Finanzämter erfahren die Einnahmen seit dem Jahr 2005, können sie leichter zuordnen.

Zwar ist nicht zu erwarten, dass sie Hunderttausende Rentner als Steuerkriminelle verfolgen. Dennoch empfehlen Steuerberater den steuerpflichtigen Rentnern, versäumte Steuererklärungen von sich aus nachzuholen. Vielen ist bislang gar nicht bewusst, dass und wie viel an Steuern sie hinterzogen haben, weil die Regelungen so kompliziert sind. Klar ist nur eines: Wer weniger als den Grundfreibetrag von 7664 (Ehepaare: 15329) Euro im Jahr hat, muss keine Steuererklärung abgeben. rüdiger Jungbluth