In der Luft kreist ein Hubschrauber, am Feldrand patrouilliert die Reiterstaffel, an der Straße stehen Hunderte Polizisten in Kampfmontur. Sie stürzen sich auf lehmverschmierte Gestalten, die mit erhobenen Händen aus dem Feld stapfen. So endete es vergangenen Sommer in Altreetz im Oderbruch, wo selbst ernannte Feldbefreier ausgezogen waren, um gentechnisch veränderte Maispflanzen umzutrampeln. Anderswo wurden Aktionen radikaler Gentechnikgegner nicht so martialisch aufgelöst. Doch in diesem Jahr häuften sie sich wie lange nicht mehr. Vom Wendland bis Gatersleben, von Gießen bis Nürtingen zogen die Aktivisten zu Felde.

Später stehen sie dann vor Gericht, Leute wie Michael Grolm aus Tonndorf in Thüringen, Gründer der Aktivistengruppe "Gendreck weg". Er verteidigt die Sachbeschädigung als eine Art Notwehr. "Kontaminierte" Pollen sollen nicht in der Landschaft umherfliegen. Einmal freigesetzt, würden transgene Pflanzen die Biolandwirtschaft, die Artenvielfalt und Millionen von Kleinbauern ebenso gefährden wie seine Imkerei. Auf der anderen Seite stehen die biotechnische Industrie und viele Wissenschaftler. Sie reklamieren ihr Recht auf Forschungsfreiheit und ihren Einsatz für das, was in ihren Augen landwirtschaftlicher Fortschritt ist.

Die sommerlichen Aktionen auf deutschen Äckern sind kleine Scharmützel in einem weltweiten Kampf. Wem soll das Erbgut der essbaren Pflanzen gehören? Der Konflikt entlädt sich zurzeit auch in nordamerikanischen Dörfern, er führte zu Bauernprotesten in Indien und Westafrika. In Großbritannien löste er gerade einen kleinen Skandal aus, als der Thronfolger Industrie und Regierung brüskierte. Die Gentechnik sei ein "gigantisches Experiment mit der Natur", wetterte Prinz Charles, das in einem "Desaster" enden könne.

Jahrelang war es ruhiger geworden in diesem Kampf um die Zukunft der Schöpfung. Doch jetzt stehen sich die beiden Kontrahenten wieder feindselig gegenüber. Eine Ursache: Als nach einer Reihe von Fehlernten zum Jahresbeginn die Grundnahrungsmittel knapp wurden und zugleich die Risiken des Klimawandels für die Landwirtschaft nicht mehr zu leugnen waren, nahmen globale Konzerne, einige Regierungen und Forscher die Agrarkrise zum Anlass für einen neuen Vorstoß: Sie priesen ihre gentechnisch veränderten Organismen (GVO) als Helfer in der Not.

Nur eine neue "grüne Revolution" könne neun Milliarden Menschen im Jahr 2050 ernähren und zugleich die Nachfrage nach pflanzlichen Energierohstoffen decken, sagt zum Beispiel Friedrich Berschauer von Bayer CropScience und dem Verband der globalen Saatgutindustrie CropLife International. Und er prophezeit: Als Teil dieser Revolution werde die Gentechnik Sorten hervorbringen, die selbst dann noch trotzig weiterwachsen, wenn Hitzewellen den Planeten heimsuchen und Sturmfluten die Felder unter Wasser setzen.

Doch die Spannung der Debatte steigt auch noch aus einem anderen Grund: Einer Koalition aus Macht, Geld und wissenschaftlichem Ehrgeiz ist es in den vergangenen Jahren gelungen, Fakten zu schaffen. Jahr für Jahr haben GVO mehr Terrain besetzt: In 23 Ländern wachsen heute auf mehr als 114 Millionen Hektar solche gentechnisch veränderten Pflanzen. Ihre Pollen breiten sich auf den Nachbarfeldern aus, ihre Produkte verunreinigen über den Welthandel auch konventionelle Saat. Und weil das so ist, wird heute sogar schon in Bioproduktion ein winziger, aber unvermeidbarer Anteil GVO toleriert. Wie konnte das alles so schnell, so weitgehend unbemerkt geschehen?

Erst Mitte der neunziger Jahre, so kurz ist das her, hatten Ciba Geigy und Hoechst, Monsanto und Pioneer Hi-Bred erstmals im großen Stil für ihre biotechnologischen Verheißungen geworben: Life-Science hieß das Zauberwort. Die Konzerne versprachen Wunderpflanzen, die widerstandsfähiger und gesünder denn je, Nahrung und Medizin zugleich sein sollten. Damals rechneten sie noch nicht damit, welches Donnerwetter das auslösen sollte; welch wütende Wand aufgebrachter Umweltschützer und verängstigter Verbraucher sich ihnen in den Weg stellen würde.