Als das Gespräch im Szene-Café schon zu Ende ist, hält Marett Klahn einen Augenblick inne, lächelt, und sagt: "Geld ist eben nicht alles. Für mich. Und eigentlich für alle." Marett Klahn ist Teil einer neuen Jugendbewegung. Einer, die ganz anders ist als ihre Vorgänger. Die nicht gegen die Regierenden auf die Barrikaden geht, sondern sich massenweise für ein Regierungsprogramm begeistert. Die 68er hatten Sit-ins, die 80er Friedendemonstrationen, die 90er die Love-Parade. Die Jugendbewegung des neuen Jahrtausends in Deutschland hat "Weltwärts".

"Weltwärts" schickt Jugendliche zwischen 18 und 28 Jahren in die Welt, zu einem unbezahlten, aber zumindest kostenlosen entwicklungspolitischen Freiwilligendienst. Private Hilfsorganisationen stellen die Plätze in ihren Projekten, die Bundesregierung übernimmt die Kosten. Gestartet wurde das Programm vor einem Jahr vom Entwicklungshilfeministerium. Kurz darauf brach die Internetseite des Deutschen Entwicklungsdienstes (DED) wegen des Ansturms interessierter Jugendlicher zusammen. Drei Monate später hatten sich allein dort 700 von ihnen ins Blaue auf noch nicht existierende Praktikumsplätze beworben. Bis heute sind mehr als 10.000 Bewerbungen eingegangen.

Es sind Zahlen, die andeuten, dass "Weltwärts" mehr ist als ein erfolgreiches Behördenkonzept. Dass es das Lebensgefühl einer neuen Jugendbewegung widerspiegelt: pragmatisch bis zum Opportunismus, unideologisch, global, aber auch mit dem vielleicht etwas naiven Glauben an eine bessere Welt. Einer Jugend, die sich einerseits weltweit engagiert, deren kreativer Elan aber offensichtlich nur bis zum Ausfüllen der Bewerbung für ein Regierungsprogramm reicht.

Doch was treibt so viele junge Deutsche dazu, ein Jahr lang in Problemgebiete der Welt zu gehen? Wer den Erfolg von "Weltwärts" begreifen will, muss das Lebensgefühl dieser Jugend verstehen. Den Versuch, Karriere und Helfen zu vereinen.

Wie zum Beispiel Lucas Rosenthal. Rosenthal wohnt in Birkenwerder, im Norden Berlins, im Einfamilienhaus bei den Eltern mit Erker und kleinem Teich. Der 18-Jährige geht nach Rio de Janeiro, Straßenkinderprojekte koordinieren. Der Abiturient ist ein höflicher junger Mann, holt den Besuch am Bahnhof ab und fragt, ob duzen okay sei. Zu trinken gebe es leider nur Apfelsaftschorle. Er könne sich vorstellen, später in einer Nichtregierungsorganisation zu arbeiten, sagt Lucas, und dass er die Ellenbogengesellschaften ablehnt. Würde er sich politisch als links einordnen? Lucas überlegt, dann sagt er: "Nicht links, ich würde mich als liberal-sozialdemokratisch bezeichnen." Er habe "generell Probleme mit Extremen. Außerdem hat man in der Geschichte gesehen, dass es nicht funktioniert."

Für Erwin Wilde von Wildemann, Leiter der Entsendegruppe "Weltwärts mit dem DED", sind Leute wie Lucas der Grund, warum diese Generation mich sehr stark an meine eigene erinnert". Wildemann, seit 33 Jahren in der Entwicklungshilfe, hatte in den Jahren vor "Weltwärts" Nachwuchsprobleme, als die Generationen "Was geht mich das an?" und "Wie viel Geld gibt’s?" den Ton bestimmten. Und jetzt? Es sei wie damals, "der Gedanke, einfach mal loszuziehen und Solidarität zu üben".