Kritik in kürze: Ulrich Greiner

Wie wehrt sich der Ohnmächtige gegen die Macht? Indem er Gegengewalt anwendet, und sei es um den Preis des eigenen Untergangs? Friedrich Torbergs meisterhafte Novelle traktiert die Frage am schlimmsten Beispiel, an der Geschichte einer Gruppe von Juden im KZ, die einem bestialischen Nazi ausgesetzt sind. "Mein ist die Rache, spricht der Herr", sagt der fromme Jude Aschkenazy, und er meint damit: Keine Gegenwehr soll sein, und er fährt fort: "Wir (die Juden) rächen uns ununterbrochen, indem wir sind, indem wir immer noch sind. Immer noch – und rufen doch nicht erst seit heute und nicht erst seit gestern zum Herrn um Rache. Wären wir denn noch da, wenn Er uns nicht gehört hätte?" Das Ende aber dieser ebenso spannenden wie bestürzenden Geschichte kommt völlig überraschend und widerlegt den Gedanken der Gewaltlosigkeit. Torberg, am 19. September 1908 in Wien geboren (wo er 1979 starb), floh 1939 vor den Nazis nach Los Angeles, wo er 1943 diese unter Emigranten heftig diskutierte Geschichte aufschrieb. Jetzt, zum 100. Geburtstag, ist sie wieder da, und man kann sie endlich lesen.

Friedrich Torberg: Mein ist die Rache

Novelle; herausgegeben mit einem Nachwort v. Marcel Atze; dtv, München 2008; 105 S., 7,90 €

Felix Weltsch, Schulkamerad und einer den engsten Freunde Kafkas, vermochte es wie Max Brod, nach Palästina zu fliehen, und wurde Direktor der Nationalbibliothek in Jerusalem. Diese persönlichen Erinnerungen veröffentlichte er 1957. Sie enthalten nichts umstürzend Neues, aber doch kluge und angenehm lesbare Betrachtungen, in denen er Kafka vor dem religiös-kulturellen Hintergrund des Judentums verständlich macht. Der 1964 gestorbene Zionist und Philosoph Weltsch, der Bücher wie Die Dialektik des Leidens (1944) oder Natur, Moral und Politik (1950) schrieb, ist heute nahezu vergessen. Umso schöner, dass diese Schrift an ihn erinnert – und an Kafka.

Felix Weltsch: Religion und Humor im Leben und Werk Franz Kafkas

onomato Verlag, Düsseldorf 2008; 126 S., 9,80 €