Dass mit Gefährdungen zu rechnen war, konnte man wissen. David Foster Wallace hat sich in die Verrückten und Verwirrten, in die Depressiven und Selbstmörder, Marketingsklaven, Medienjunkies und andere hoffnungslose Fälle unserer Zeit hineinversetzt, um aus dem Zentrum ihres selbst- und sinnvernichtenden Geschwurbels heraus zu schreiben. Er tat das mit so tiefer Einsicht und solcher Besessenheit, dass er sich dabei unmöglich schadlos halten konnte. Trotzdem erschien es lange nicht zwingend, in diesem genialen Talent, dessen Schaffenskraft und Einfallsreichtum gigantisch waren, eine Gestalt zu erkennen, die etwas mit dem von Susan Sontag beschriebenen "Künstler als exemplarischem Leidenden" zu tun haben könnte.

Wallace selbst betrachtete sich als einen medien-sozialisierten Menschen: Wo seine Eltern, so er-klärte er einmal, vor dem ersten eigenen Kuss nur ein paar Hundert mediale Filmküsse gesehen hätten, da seien es bei ihm schon ein paar Zehntausend gewesen, die seinem eigenen Erleben als belastende Vorbilder vorausgingen. Bereits in seinem frühen Aufsatz Et pluribus unum hat er dargelegt, warum für ihn das Fernsehen als Quelle der Wahrnehmung an die Stelle der Realität getreten sei. Im Austausch mit Fernsehbildern modellieren daher viele seiner Figuren ihr Image. Dieser Schriftsteller zweifelte nie an der präformierenden Herrschaft der Medien, doch anders als jene, die es dabei affirmativ bewenden lassen, opponierte er als literarischer Geist.

Wallace wurde zu einem rücksichtslos eigenwilligen Analytiker der Verwandlung aller Bewusstseinsinhalte in mediale Konsumartikel. Darum geht es in seinem mehr berühmten als bekannten Roman Infinite Jest von 1996, der aufgrund seiner Dimension und Konzeption in die Reihe der postmodernen Monumentalromane à la Thomas Pynchon, William Gaddis oder Robert Coover gehört. Mit gedanklicher, formaler, vor allem satirischer Souveränität nahm Wallace dort zentrale Phänomene der Zeit aufs Korn und auf die Schippe. Der allenthalben verpönten kulturkritischen Manier machte er sich dabei trotzdem in keinem Moment schuldig. Stattdessen überzeugte er den hippen Teil seines Publikums durch popliterarische Motive. Das alles schien zu einem brillanten Metasurfer zu passen, dem viel zuzutrauen war, nur keine tiefe Traurigkeit über das, was er beschrieb.

Doch nun hat ihn ein Schmerz, über dessen Beschaffenheit sich schlecht spekulieren lässt, dazu veranlasst, im Alter von nur sechsundvierzig Jahren ein Zeichen schwärzester Verzweiflung zu setzen. Am 12. September wurde Wallace erhängt von seiner Frau aufgefunden. Das ist ein Schock.

1962 im Staat New York geboren, zeigte sich der Professorensohn früh als ein Multitalent. Schon bevor er sich der Literatur zuwandte, erwarb er in der Philosophie Meriten. Im Studium des kreativen Schreibens fabrizierte er mit 24 Jahren seinen ersten bereits riesigen Roman Der Besen im System. Zügig steuerte er damit den erlauchten Club der postmodernen Metafiktionalisten an. In diesem Roman geht es um die medientheoretische wie Wittgensteinsche Frage: Was sagt die Sprache noch über die Welt aus, wenn sich alle Sprachhandlungen medial längst verselbstständigt haben? Um bei dieser schwierigen Sachlage dennoch ein munteres Weiterquasseln zu gewährleisten, wird, so die Romanhandlung, vom Großkapital eine Babynahrung entwickelt, die den Spracherwerb von Kleinkindern ungeheuer beschleunigen soll.

Anders als Der Besen im System ist der Roman Infinite Jest, der als das Hauptwerk von Wallace gilt, auf Deutsch noch nicht verfügbar. Noch immer ist die sprachlich schwierige Übersetzung in Arbeit. Allerdings hat es durchaus seinen Sinn, auch dem Korpus der Kurzgeschichten von Wallace einen Rang als Hauptwerk einzuräumen. Immerhin sind es die vier Story-Bände, auf die sich der Ruhm von Wallace im deutschsprachigen Raum gründet: Kleines Mädchen mit komischen Haaren (2001), Kurze Interviews mit fiesen Männern (2002), In alter Vertrautheit (2006) und Vergessenheit (2008). Des Autors kritische Sicht auf Zeitphänomene ebenso wie seine kühne formale Gestaltungskraft werden jedenfalls durch diese zahlreichen erzählerischen Kabinettstücke nicht weniger prägnant zur Geltung gebracht als durch die Romane.

Wallace analysiert und persifliert den Gebrauch der Sprache in den Zeiten ihrer technischen und operativen Beschleunigung. Seine Storys gleichen Fallstudien über exemplarische Kommunikationssituationen unserer Zeit: Marketingseminare, Fernsehshows, Psychotherapie, Interviews, Schulunterricht, Beziehungskonflikte. Es sind alles hyperaufgeklärte Menschen und mündige Bürger, die hier um ihr Leben reden und denen es beim Zerreden abhanden kommt. Ein wunderbarer Köder für die Auseinandersetzung mit diesem Schriftsteller war seine sarkastische Reportage über eine siebentägige Karibik-Kreuzfahrt: Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich. Da wird die Kunstwelt eines schwimmenden Luxushotels beschrieben als grauenvolles Serviceparadies für entmündigte Konsumknechte.