DIE ZEIT: Herr Chailly, wann haben Sie Giacomo Puccini für sich entdeckt?

Riccardo Chailly: Als ich 21 Jahre alt war. Ich gab mein Amerika-Debüt mit Madame Butterfly. Ich erinnere mich noch genau an die erste Orchesterprobe, sie fand noch ohne Sänger statt. Das Klanguniversum Puccinis hat mich total überwältigt. Seit dieser Zeit spielt Puccini in meinem Leben als Dirigent eine zentrale Rolle. Ich habe alle wichtigen Werke dirigiert und liebe es, von Zeit zu Zeit zu ihnen zurückzukehren, denn ich entdecke immer etwas Neues.

ZEIT: Was schätzen Sie an Puccini?

Chailly: Er hat die schönsten Melodien geschrieben und trotzdem immer gegen das Triviale ankomponiert. In jeder Melodie, die die Leute auf der Straße singen können, findet sich auch etwas Anti-Banales. Das Problem ist nur, dass die großartigen Details der Orchestrierung meist nicht wahrgenommen werden.

ZEIT: Wie modern ist Puccini? Man wirft seiner Musik vor, sie sei hinter ihrer Zeit zurückgeblieben.

Chailly: Den Vorwurf finde ich lächerlich. Ein Vorurteil, dass sich hartnäckig hält. Maurice Ravel hat La Fanciulla del West als ein Lehrstück für moderne Orchestrierung bezeichnet. Und Ravel war, was die Orchesterbehandlung angeht, ein Neuerer in seiner Zeit.

ZEIT:Arnold Schönberg oder Igor Strawinsky haben den musikalischen Fortschritt zur gleichen Zeit auf ganz anderen Pfaden vorangetrieben, während Puccini an der Tonalität festhielt.

Chailly: Er hatte keinen Bezug zur Zwölftonmusik. Und doch wollte er Schönbergs Pierrot Lunaire studieren, das wissen wir. In seinen Skizzen des Turandot-Finales, das er ja leider nicht mehr vollenden konnte, gibt es eine Zwölftonskala. Luciano Berio, der einen neuen Turandot-Schluss komponiert hat, hat mir das selbst gezeigt. Mit der Musiksprache von Turandot geht Puccini weit. Man spürt, dass er in die Nähe von Zwölftonmusik gekommen war – auf eine andere Weise.

ZEIT: Aber Turandot war Puccinis letzte Oper, uraufgeführt 1926.

Chailly: Das frühe Werk Le Villi ist auch hochinteressant. Da war er sehr jung und beeinflusst von der französischen Musik, vom Impressionismus. Puccinis kompositorische Entwicklung vom Frühwerk bis zu seiner letzten Oper ist erstaunlich. Man kann sie vergleichen mit der unglaublichen Entwicklung, die Verdi in seinem Opernschaffen durchlaufen hat. Bei Verdi war es eine Revolution der Musiksprache, bei Puccini geht es in eine ähnliche Richtung.