Wien im Frühjahr 1908. Die Stadt rüstet sich für ein Großereignis: Das 60. Regierungsjubiläum Kaiser Franz Josefs steht bevor. Der öffentliche Höhepunkt: ein Festumzug mit 12000 Teilnehmern. Er lockt eine halbe Million Neugierige an, die begeistert sind von der Parade der farbenfrohen Volksgruppen. Sechs Jahre vor den Schüssen von Sarajewo scheinen sie das utopische Versprechen einer multinationalen und multikulturellen Donaumonarchie einzulösen. Dass Tschechen und Ungarn abgesagt haben, fällt kaum auf.

Ähnlich wie bei Hans Makarts berühmtem Festzug von 1879 werden auch diesmal Künstler engagiert, sie gestalten insgesamt neunzehn Kapitel der Habsburger Vergangenheit. Ein "Gemisch von echt und unecht", eine Mixtur mit "starkem Stich in die Theaterausstattung" und "virtuos improvisiertem, außerhalb Wiens unübertreffbaren Gschnas" sei dabei herausgekommen, befindet ein Kritiker. Den Auftrag haben Mitglieder vom gemäßigt modernen Hagenbund zusammen mit Studenten der Kunstgewerbeschule bekommen. Einige von ihnen arbeiten für die Wiener Werkstätte, die auch eng mit den Künstlern um Gustav Klimt kooperiert.

Klimt ist seit dem Fin de Siècle der skandalumwitterte Star und das Zentralgestirn der österreichischen Kunstszene. Für das Jubeljahr 1908 organisiert er nun eine große Kunstschau, die allein zahlenmäßig überwältigt: über 1000 Objekte von 176 Künstlern. Klimt annonciert die Veranstaltung als "Kräfterevue des österreichischen Kunststrebens". Kaiser Franz Josef, musisch enthaltsam, verzieht sich derweil zur Jagd nach Bad Ischl.

100 Jahre später erinnert nun die Österreichische Galerie in Wien an dieses Großereignis: Gustav Klimt und die Kunstschau 1908 heißt der Rückblick. Die Initiatoren der ursprünglichen "Kräfterevue" hatten bereits 1905 der von ihnen mitbegründeten Wiener Secession den Rücken gekehrt. Interne Streitigkeiten zwischen den "Naturalisten" und den Verfechtern eines einheitlichen Raumkunstkonzepts waren vorausgegangen. Nun bot sich den exilierten "Stilisten" um Klimt die Möglichkeit, im Jubiläumsjahr einen für das Wiener Konzerthaus vorgesehenen unbebauten Platz neben dem Eislaufverein zu bespielen. Ihr enger Kontakt zu einflussreichen Kreisen der Wiener Gesellschaft erleichterte das Vorhaben. Der Architekt Adolf Loos kommentierte diese Verbandelung giftig: "wehe dem staate, dessen revolution die hofräte besorgen."

Die Kommune, private Mäzene, aber auch liberale Kräfte im Ministerium halfen bei der Finanzierung des Projekts. Innerhalb kurzer Zeit zauberte Josef Hoffmann auf das 6500 Quadratmeter große Gelände Ausstellungspavillons aus weiß verputztem Holz und ein komplett eingerichtetes Musterhaus. Die Besucher konnten kleine Innenhöfe durchwandeln, im Café, in den Gartenanlagen oder vor einer Freiluftbühne verweilen.

Diese "Kunstschau" mute nicht wie "eine öde Aneinanderreihung von Kunstwerken, sondern wie ein Fest, wie ein Stück schönheitsverklärten Lebens" an, schwärmte der Kritiker Richard Muther. Die Inszenierung als Gesamtkunstwerk entsprach dem ästhetischen Ideal, für das sich die Secessionisten der Frühzeit begeistert hatten. Ihnen war es um die Gleichgewichtung von freier und angewandter Kunst gegangen, um jene Durchdringung von Kunst und Leben, die in der 1903 gegründeten Wiener Werkstätte ihren Ausdruck finden sollte.

Doch die Sonderschau mit 54 durchgestalteten Räumen unterschied sich schon in Umfang und Angebot von allen früheren Ausstellungen. Wer wollte, konnte hier auch Theater, Kabarett und Tanz genießen oder auf einem kleinen Modellfriedhof mit dekorativ gestalteten Grabkreuzen das eigene Ende stilsicher vorplanen. Für Lebenszugewandtere boten "Räume des Kindes" mit Kinderspielzeug und Kinderkunst Vorbildhaftes.