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Eigentlich liegt Kroatien im Zentrum von Mitteleuropa. Aber seien wir ehrlich – was wissen wir schon über die Kultur des Landes, das seit Längerem EU-Beitrittskandidat und fast schon Mitglied in der Nato ist? Dass dort gut Fußball gespielt wird, Karl-May-Filme gedreht und Ćevapčići gebraten werden. Und sonst? Nun ja. Um schlauer zu werden, braucht man in diesem Herbst aber gar nicht nach Zagreb, Sisak, Bjelovar zu fahren; es reicht ein Abstecher nach Regensburg. Denn Kroatien ist das Thema der diesjährigen donumenta, des verdienstvollen Festivals, das seit 2003 alle Jahre wieder spartenübergreifend die Kulturszene des Donauraums präsentiert. Ukraine, die Republik Moldau, Bulgarien, Österreich und Rumänien waren schon dran, jetzt also das Land, das 188 Kilometer Donau sein eigen nennt (vom 26. September bis zum 6. November, www.donumenta.de).

Weil die Erfinderin und Leiterin der donumenta, Regina Hellwig-Schmid, selbst Malerin ist, liegt ein Schwerpunkt auch in diesem Jahr wieder auf der bildenden Kunst. Dass es dabei alles andere als adriablau und touristisch zugehen wird, lässt sich schon an der Arbeit von Andreja Kulunčić erkennen: In Anspielung auf ein offenbar nicht ungewöhnliches Los kroatischer Frauen sucht sie per Postwurfsendung nach Österreicherinnen, die bereit sind, sich in der Sexindustrie ausbeuten zu lassen; Abitur erwünscht. Auch die anderen Theateraufführungen, Filme, Konzerte, Lesungen versprechen unter teils putzigen Titeln – Was ist ein Mann ohne Schnurrbart – Aufräumarbeiten im Klischee. Am Eröffnungsabend tragen Regensburgs Kroaten ihren Teil bei und kochen jenseits von Ćevapčići. Auch Visovačka begavica ist schließlich Kultur – Lamm in Schafsmilch.

Am gnadenlosesten hat es der New Yorker Regisseur Sidney Lumet einmal formuliert: Los Angeles sei das blanke Nichts von einer Stadt. Also bleibe ihr gar nichts anderes übrig, als sich mit seiner Traumfabrik ständig neu zu erfinden – und zu verkaufen. Mit Bildern von überwältigender Künstlichkeit und Falschheit. Ganz in Lumets Sinne untersuchte der Regisseur und Filmtheoretiker Thom Andersen in seinem großartigen Essay-Film Los Angeles Plays Itself (2003) die Darstellung und Selbstdarstellung der Hollywood-Stadt im Kino – als Bildergeschichte, die immer wieder von Missverständnissen und Fehldeutungen geprägt war. Nun setzt Andersen sein Projekt als Kurator der Retrospektive des diesjährigen Wiener Filmfests fort: Mit einer Filmreihe, die ein anderes, realitätsnahes Bild der Stadt und ihrer Geschichte zeigen will. Die Schau beginnt in den zwanziger Jahren, unter anderem mit einer restaurierten Fassung von Josef von Sternbergs The Salvation Hunters (1925), einem Film, der abgerissene Hafen- und Stadtansichten mit einer symbolistischen Ästhetik verbindet, die ihrer Zeit weit voraus war. Neben Klassikern von Billy Wilder ( Sunset Boulevard, Double Indemnity ) und Robert Aldrich ( Kiss me Deadly ) sind auch Dokumentarfilme, Fernsehproduktionen, Videos und Studentenfilme zu sehen – etwa vom späteren Star Wars - Erfinder George Lucas. Insgesamt versammelt die Retrospektive fast hundert Filme über Los Angeles, diesen, um noch einmal Sidney Lumet zu zitieren, "urbanen Kuhfladen zwischen Strand und Wüste".

Die Viennale-Retrospektive "Los Angeles. A City in Film", findet vom 5. Oktober bis 5. November im Wiener Filmmuseum statt. Begleitend zur Filmreihe erscheint ein Katalogbuch mit Essays von Filmemachern, Kritikern und Historikern

Foto: © Viennale