Gegen Kritik kann man sich wehren – gegen Lob nicht. Gegner kann man sich vom Hals halten – gute Freunde kaum. Darum heißt das größte innerparteiliche Problem von Frank-Walter Steinmeier – jedenfalls zurzeit – nicht Andrea Ypsilanti, sondern Gerhard Schröder.

Kaum war Steinmeier zum Kanzlerkandidaten ernannt, da pries ihn schon der Exkanzler, dass es eine Art hatte ("Große Freude", "hat nun seinen eigenen Stil entwickelt"). Angeblich soll Schröder seinem ehemaligen Staatssekretär auch noch angeboten haben, ihm im Wahlkampf kräftig unter die Arme zu greifen. Was wiederum den Spiegel bewog, auf der Titelseite Schröders Comeback zu annoncieren. Die Welt zog sogleich nach mit einer Namens- und Personalunion: "Frank-Walter Schröder". Das ist höchstwahrscheinlich alles gut gemeint. Also das Gegenteil von gut.

Tatsächlich ist auf alle Fragen, die sich in den kommenden zwölf Wahlkampfmonaten an den Kanzlerkandidaten stellen, Gerhard Schröder die falsche Antwort.

1. Ist Steinmeier überhaupt ein Politiker oder doch bloß ein Beamter? Was ein "richtiger" Politiker ist, darüber lässt sich trefflich streiten. Wie das die Wähler beurteilen, hängt immer davon ab, wen man mit wem vergleicht. Angela Merkel etwa unterscheidet sich in ihrem Habitus fundamental von den "richtigen" Politikern, die vor ihr Deutschland regierten, also: Helmut Kohl, Gerhard Schröder, Joschka Fischer. Doch würde heute niemand bezweifeln, dass sie ein political animal eigener Art ist. Neben der nüchternen, sachlichen und unprätentiösen Kanzlerin wirkt der ähnlich gestrickte Steinmeier durchaus wie ein Politiker. Nicht jedoch neben Gerhard Schröder, da scheint ihm immer etwas zu fehlen.

2. Ist Steinmeier wirklich eine Nummer eins oder nur eine besonders gute Nummer zwei? Dass er sich als Chef des Kanzleramtes unter Schröder, als Vizekanzler unter Merkel und als SPD-Vize unter Kurt Beck bewährt hat, steht außer Zweifel. Nun muss er beweisen, dass das dreifache Vizesein nur Durchgangsstation war und nicht etwa seine Bestimmung. Beck ist weg, da stellt sich die Frage nicht mehr; von Merkel kann er sich emanzipieren, immerhin ist sie seine politische Gegnerin. Doch wann immer Schröder auftaucht, wird aus dem Kanzlerkandidaten unweigerlich wieder ein Kanzleramtschef.

3. Ist Steinmeier immer noch Agent der Agenda 2010, oder will er eine linkere und wärmere Politik machen als seinerzeit? Wenn der Kandidat täte, was in der SPD die Linken fürchten und die Rechten hoffen – nämlich die Partei kräftig nach rechts zu zerren – dann könnte er alsbald seinen Wahlkampf allein machen. Steinmeiers Aufgabe wird es sein, mit wirtschaftlicher Verlässlichkeit der Union Wähler abspenstig zu machen, ohne die Sehnsucht seiner Genossen nach mehr sozialer Sicherheit frontal zu enttäuschen. Schröder jedoch steht für die Agenda pur, mit Basta, Neuwahlen, SPD-Niedergang und allem. Ist er in der Nähe, gerät die Politik der neuen Führung sogleich aus der Balance.

4. Ist das, was Steinmeier auf internationalem Parkett macht, noch Entspannungspolitik oder schon Anpassung an mächtige Diktatoren? Als Außenminister versucht Steinmeier seit einem Jahr deutlich andere Akzente zu setzen als die Kanzlerin. Ihr hängt immer noch nach, dass sie sich nicht klar gegen den Irakkrieg gestellt hat. Darum könnte die Taktik von Steinmeier aufgehen, Merkel unterschwellig unter Bellizismusverdacht zu stellen, indem er immer etwas schonender mit Russland und China umgeht als sie. Gerhard Schröder arbeitet für den russischen Gasprom-Konzern, der wiederum die Interessen Moskaus vertritt. Darum kompromittiert Schröder mit jeder öffentlichen Äußerung zu internationalen Fragen Steinmeiers Entspannungspolitik – besonders wenn er sie lobt.