Bei Siebecks überm Sofa: Der Maler und Radierer Friedrich Meckseper zeigt uns die Welt als Irrgarten

"Mechanisches LAbyrinth" von Friedrich Meckseper, 1978

Ein Champagnerfrühstück im Ballon – so hatte die Einladung des Künstlers Friedrich Meckseper an seinen Freund Siebeck gelautet. Und Siebeck hatte sich nach einigem Zögern auch getraut, hatte ein getrüffeltes Perlhuhn, Lammbries in dünnem Nudelteig und Hummersalat als Proviant zum Startplatz bei Augsburg beordert. Die Fahrt geriet dann recht abenteuerlich, der Ballon schwebte nämlich in den regen Luftverkehr des Münchner Flughafens. Der Maler und der Schreiber tranken sich Mut an, von drei Flaschen Krug Privat Cuvée berichtete Siebeck später im ZEITmagazin.

Das hört sich nach Leichtsinn und gesteigerter Lebensfreude an, doch die Kunst von Friedrich Meckseper besticht durch das Gegenteil: durch die genaue Ausführung, die penibel gemalten oder radierten Objekte, den meist recht dunklen Hintergrund seiner Bilder. Zu seinen Lieblingsmotiven gehören Labyrinthe, Sonnenuhren, Zypressen, Schneckenhäuser. Menschen tauchen in seiner Kunst nicht auf. Oft zeichnet Meckseper sonderbare, physikalische Messgeräte, deren Sinn wir nicht mehr kennen. Neben seiner Malerei beschäftigt sich der gelernte Mechaniker mit allerlei Techniken vom Beginn der Industrialisierung: In der Künstlerkolonie in Worpswede, wo er viele Jahre lebte, unterhielt er eine Schmalspurbahn aus dem Jahr 1913 und baute sich ein eigenes Dampfboot.

Zwei Jahre nach der Ballonfahrt mit Siebeck, 1978, schuf Meckseper für das ZEITmagazin eine Kunst-Edition. Die Farbradierung zeigt ein Labyrinth – die Welt als Irrgarten. Unter dem Labyrinth leuchtet jedoch ein rettender Kompass aus Messing. Die im Irrgarten symbolisierte Verknüpfung von Rationalität und Irrationalität wolle Meckseper mit diesem Bild evozieren, mutmaßte damals Gottfried Sello im ZEIT-Portrait. Dieser "Meister der Kunst von Licht und Schatten" knüpfe damit an die Tradition der Manieristen des späten 16. und frühen 17. Jahrhunderts an.

Im Jahr 1978 kostete die signierte und nummerierte Radierung 740 Mark. Der internationale Kunstmarkt interessiert sich derzeit zwar mehr für Friedrichs Tochter Josephine Meckseper – ihre Fotografien sind gerade in einer Ausstellung im New Yorker Museum of Modern Art zu sehen. Aber ab und zu tauchen einzelne Exemplare der Meckseper-Edition noch in Auktionen auf. Einen dauerhaften Platz hat Mecksepers Kunst im Heim der Siebecks gefunden. Unter anderem überm Sofa. Tobias Timm

Friedrich Meckseper wurde 1936 in Bremen geboren. Der Maler und Grafiker lebt und arbeitet in Berlin. Das Foto zeigt ihn rechts neben Siebeck bei dem gemeinsamen Champagnerfrühstück im Ballon für das ZEITmagazin im Jahre 1976