Ein Buch von betörendem Charme und einer Sehnsucht, die ansteckt. Der 1900 in Paris geborene Amerikaner Julien Green – für die Zeit seines Lebens bleibt er "ein Amerikaner in Paris" – fixiert in vielfach ineinandergeschobenen Erinnerungsbildern seine Liebe zu Frankreich. Und da er ein wunderbarer Landschaftsschilderer ist, ein Großstadtflaneur im besten Sinne, der auch Paris als Landschaft begreift, zieht er den Leser in den Strudel dieses bezaubernden "So war es einmal"; denn Julien Green berichtet ja in der ersten Hälfte seines Buches – dem gut auch Stefan Zweigs Titel Die Welt von gestern anstünde – von seiner frühen Jugend in der damaligen Metropole der Welt Paris, also von der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, da martialisch herausgeputzte Kutscher mit Peitschenknall ungetüme Pferdeomnibusse durch die oft noch mit Holz gepflasterten Straßen bugsierten, adrett uniformierte Schüler bei der Jahresabschlussfeier einem in grellgelber Seide gewandeten Direktor samt seinen Administratoren in karmesinroten Roben mit Hermelinbesatz lauschen mussten und man in den kleinen Orten der Île-de-France weder Automobil noch Telefon kannte.

Gewiss, dem später erfolgreichen Romancier – er formulierte ja diese Erinnerungen mit 42 Jahren in New York – ist bewusst: "Ich weiß sehr wohl, daß es unmöglich ist, das Glück der Kindheit zu schildern [...] diese reine Freude ohne irgendeine Spur von Traurigkeit, Furcht oder Bedauern, die so oft die Freuden des reifen Alters trüben." Was er aber auch damals nicht wissen konnte: Wie sehr er bis heute beim Leser, der Frankreich gut oder ein wenig kennt, wehmütige Sehnsucht weckt. Wenn man auch nie in einem Stummfilmkino mit Klavierspieler war und keine "Maman" hatte, die vor dem flackernden Kamin stickend den Geschwistern Märchen erzählte – das Herbstlicht auf den Rabatten des Jardin du Luxembourg, die langen Galerieflure des Louvre und die gut versteckten kleinen Geheimnisse der schönen Stadthäuser von St. Germain – das alles gehört noch immer zum kleinen Wunder namens Frankreich, das auch der Heutige stets aufs Neue bestaunt.

Lieber Gott, lass mich dieses Frankreich des Julien Green auch einmal erleben!

Und wenn man Seite für Seite der so zarten Liebeserklärung dieses Schriftstellers sich aussetzt (der erst 1920 – also mit zwanzig – zum ersten Mal nach Amerika kommt), dann ist man nun, im Alter, von fragiler Hoffnung getrieben: Lieber Gott, laß’ mich noch einmal dieses Frankreich des Julien Green erfahren, das später – wenngleich schon zivilisationszerschunden – auch das meine wurde, lass mich die Steinparkettdörfer der Alpes Maritimes, lass mich das Kloster in den sommerlich duftenden Lavendelgärten der Provence und das Diner bei Prunier (wo Green mit André Gide dinierte) erleben. Ich leugne es gar nicht – die liebevolle Schilderung der alten kleinen Kirche von St. Nectaire ("Frankreich ist in seinen alten Kirchen immer gegenwärtig, Frankreich mit seinen Träumen von Größe, mit seinen Sorgen und seiner Schönheit") oder das bewahrte Bild der mähenden Bauern bei Saint-Saveur am Gave de Pau in den Pyrenäen mit der Maultrommel-Melodie der Ziegenhirten und dem "leichten Eisenkrautgeruch, der im Sonnenlicht schwebte" ist so zaubrisch-gegenwärtig, dass es manchmal beim Lesen schmerzt. Erinnertes Glück kann auch wehtun.

Wobei wahrlich wenige – unsereins schon gar nicht – so privilegiert aufwuchsen, umhegter Sohn einer amerikanischen Südstaatenfamilie, Papa zwar nicht reich, aber wohlausgestattet als Paris-Repräsentant eines US-Trusts und ohne jedes Murren willens wie in der Lage, den Sohn weit über dessen Jünglingsalter hinaus zu unterhalten (der prompt ein wenig zu oft betont, dass Geschäftliches ihm stets fremd und uninteressant war). Doch was zählt, sind nicht die Franc in der Tasche, sondern was zählt, ist die Fähigkeit, uns das Flair einer untergegangenen Zeit wie des glücklicherweise nicht untergegangenen Paris zu vermitteln; uns dieses Flair "einzuhauchen".

Ja, nein, wir zogen nie an dem samtbezogenen Strang im mit purpurrotem Plüsch tapezierten Aufzug, um André Gide zu besuchen. Ja. Ja. Nein. Nein, wir klingelten allenfalls an der Tür zu Jean Paul Sartres mickriger Etagenwohnung. Aber Julien Greens Kunst, jenes "geheimnisvolle Element, das die Leute Atmosphäre nennen", zu vermitteln, schafft es, dass der Leser sich über den Zeitabstand hinwegschwingt und immer wieder in "sein Frankreich" eintaucht. Mag sein, dass es ein fragwürdiges und bestreitbares Kriterium ist – aber ich denke, dass Kunst immer auch bewirkt, in sich selber tausend kleine Spiegel zu schleifen. Ob der Werther oder Dostojewskijs Mörder, ob der Hamlet oder Flauberts Ehebrecherin: Wer nicht Fetzen vom Wüsten wie Zögerlichen, vom Sentimentalen wie Lügnerischen in sich birgt, der verschließt sich dem Echo, das Kunst ausruft; das gilt für freche Brecht-Chansons wie für Picassos Wollust.

Aber sind diese Jugendmemoiren denn Kunst? Nun, sie haben die Schwächen der späteren Romane von Julien Green, er verhübscht ja gerne die Realität, und so wimmelt es auch hier von Superlativen wie von unzähligen "Niemals" (werde ich vergessen, habe ich solche Worte gehört, habe ich ein ernsteres Gesicht gesehen und so weiter); mindestens so oft erfahren wir, dass der junge Mann bei allen möglichen Anlässen rot wurde, wobei man sich schon fragt, woher er – der ja nicht vor dem Spiegel steht – das weiß. Auch kann ich nicht ergründen, was eine "Intellektuellennase" ist. Da stört also doch so manches Pastose.