Sie behaupten, dass das wohlhabendste Viertel der Erwerbstätigen in Deutschland 80 Prozent aller Steuern zahle. Ein Drittel der Erwerbstätigen zahle hingegen gar keine Steuern. Beide Aussagen sind falsch.

Beide Werte beziehen sich auf den Anteil an der Lohn- und Einkommensteuer, die ihrerseits einen Anteil am gesamten Steueraufkommen ausmacht. Das reichste Viertel der Steuerpflichtigen (exakt 26,8 Prozent) zahlte im Jahr 2004 (auf das sich die von Ihnen offenbar herangezogenen Daten des Statistischen Bundesamtes beziehen) 79,6 Prozent der Lohn- und Einkommensteuer. Diese ihrerseits machte 2004 34,1 Prozent des gesamten Steueraufkommens aus. Mithin betrug der Anteil der "Reichen" zunächst einmal 27,1 Prozent "aller Steuern".

Hinzu kommt natürlich noch ein Anteil an den indirekten Steuern, zum Beispiel der Mehrwertsteuer, der sich allenfalls schätzen ließe. Da auch Einkommensärmere einkaufen müssen, zahlen sie zwangsläufig Mehrwert-, Mineralölsteuer et cetera, sodass sie natürlich ebenfalls Steuern zahlen.

Siegmar Henkes Hannover

Im Zustand der Erregung – über Die Linke und Lafontaine – ist auch ein ZEIT-Herausgeber vor Geschichtsverfälschungen nicht gefeit. Daher einige Bemerkungen:

1. Der Niedergang der SPD setzte nach Verabschiedung der Agenda 2010 durch die Massenflucht ihrer Stammwähler ein. Die desaströsen Niederlagen dieser Partei bei den folgenden Landtagswahlen – mit zweistelligen Prozentverlusten – schufen erst die Voraussetzungen dafür, dass sich eine Partei wie Die Linke (mit dem Vorlauf der WASG) etablieren konnte.

Aus meiner Sicht hat das parlamentarisch-repräsentative System mit der Präsenz der Linken in den Parlamenten eine Bewährungsprobe bestanden. Denn dieses System setzt voraus, dass gesellschaftliche Konflikte im Parlament ihr Widerspiel finden. Die Agenda- und Hartz-IV-Geschädigten konnten bis 2005 zwar Massendemonstrationen veranstalten, im Parlament hatten sie dagegen keine Stimme, was für die Legitimität des parlamentarisch-repräsentativen Systems auf Dauer nicht gut gewesen wäre.