Die Gegend nördlich von Osnabrück ist bekannt als fruchtbare Region. Die Felder sind üppig bepflanzt, die Bauern wohlhabend. Wer von Osnabrück in Richtung Norden fährt, sieht gepflegte kleine Orte mit besonders großen Kirchen. Die Beete vor den Häusern sind gejätet, oft stehen große, frisch gewaschene Autos vor der Tür. Man zeigt hier, dass man etwas geworden ist. Und man zeigt nicht, was hinter den Fassaden vor sich geht. Erst recht nicht, wenn es um ein so heikles Thema wie Abtreibungen geht. Nun allerdings steht der größte Arbeitgeber der Gemeinde Nortrup im Verdacht, Bewerberinnen und Mitarbeiterinnen zu Schwangerschaftsabbrüchen gedrängt zu haben – und das möglicherweise schon seit Jahren. Eine Fleischfabrik mit gutem Ruf, die mit dem Slogan "Verantwortung für Mensch und Tier" für sich und ihre Produkte wirbt.

Die Betriebsärztin Christina von Auenmüller hat Bewerberinnen zu Schwangerschaftstests aufgefordert – das bestätigt selbst das Unternehmen. Um Frauen zu schützen, behauptet die Firma. Um Frauen einzuschüchtern, vermuten die Expertinnen aus den Schwangerenberatungsstellen von pro familia und donum vitae. Wegen der Tests bei Kemper hätten Frauen gekündigt oder sogar abgetrieben, heißt es in mehreren Briefen und Vermerken, die der ZEIT vorliegen. "In drei Fällen war der Hauptgrund für den Wunsch, die Schwangerschaft zu beenden, der Umstand, dass diese Frauen bei der Firma Kemper Wurstwaren arbeiten und dort … vor der Vertragsunterschrift eine betriebsärztliche Untersuchung stattfinden würde, bei der unter anderem auch durch einen Urintest festgestellt würde, ob die betreffende Bewerberin schwanger sei." Mit Schwangerschaft gebe es keinen Job – so steht es in einem Brief von donum vitae vom Juni 2008.

Ein Vermerk der Gleichstellungsbeauftragten des Landkreises Osnabrück, Susanne von Garrel, handelt ebenfalls von Frauen, die abtreiben wollten, um bei der Firma Kemper "den Urintest zu bestehen". In einem Schreiben von pro familia an eine andere Gleichstellungsbeauftragte der Region ist ausdrücklich von Tests nicht nur für neue Bewerberinnen die Rede. Auch Schwangere, die von einem befristeten Vertrag auf eine feste Stelle wechseln wollten, befürchteten offenbar schwere Nachteile.

Ausgerechnet Kemper – das sagen im Moment viele in der Region. Kemper ist eine der wenigen Firmen in der Branche, die keine Leiharbeiter beschäftigt. Ein Arbeitgeber, der Mitarbeitern für Hochzeiten und Geburten kleine Prämien zahlt. Heute allerdings steht das Unternehmen unter Druck – Großkunden wie Lidl, Aldi oder Plus schließen längst keine festen Verträge mehr. Die abgenommenen Mengen schwanken, in Osteuropa gibt es billige Konkurrenz.

Bei der Gewerbeaufsicht, für den Mutterschutz am Arbeitsplatz zuständig, scheint der Ruf besonders gut zu sein, jedenfalls bescheinigte das Amt vergangene Woche dem Unternehmen korrektes Verhalten, obwohl es nur die Aussagen des Unternehmens selbst, seiner Betriebsärztin und des Betriebsrates kannte. "Wir arbeiten seit zwanzig Jahren sehr gut mit der Betriebsärztin zusammen und sehen keinen Grund, an ihren Aussagen zu zweifeln", sagt Abteilungsleiter Johannes Jaroch. Dem schloss sich sogar die Landesregierung an. Sozialministerin Mechthild Ross-Luttmann erklärte, sie sei nach der Erklärung "erleichtert". Dabei muss sich die Gewerbeaufsicht nur um den Schutz der Schwangeren vor Gesundheitsgefahren kümmern. Bei der Frage, welche Informationen ein Arbeitgeber im Bewerbungsverfahren sammeln darf, ist das Amt nicht zuständig.

Soll man wirklich glauben, all das sei nur zum Wohl der Frauen geschehen, wie das Unternehmen jetzt behauptet? "Es kommt immer wieder vor, dass Mitarbeiterinnen erst im fünften oder sechsten Monat feststellen, dass sie schwanger sind", sagt die Betriebsärztin. "Wir wollten verhindern, dass solche Frauen in unseren gekühlten Räumen arbeiten und sich selbst und ihren Nachwuchs gefährden." Freiwillig seien die Tests gewesen, nur bei sechs von hundertzehn neu eingestellten Frauen habe man sie vorgenommen, die Firmenleitung habe nichts davon gewusst. "Bei unseren Einstellungen hat das nie eine Rolle gespielt", sagt Geschäftsführer Siegfried Merten und betont: "Wir sind ein familienfreundlicher Betrieb."

Es ist nicht auszuschließen, dass die Betriebsärztin aus nachvollziehbaren Gründen das Falsche getan hat. Sicher ist aber, dass sie auch damit gegen geltendes Recht verstößt. Schon die Frage nach einer Schwangerschaft ist rechtswidrig. "Da ist das Arbeitsrecht eindeutig", sagt Jochen Protzer, Geschäftsführer des Verbandes deutscher Betriebs- und Werkärzte. "Im Einstellungsgespräch hat auch ein freiwilliger Test grundsätzlich nichts zu suchen." Wer könne schon überprüfen, ob es sich nicht um eine Scheinfreiwilligkeit handele, weil die Bewerberin sich schlechtere Chancen bei der Bewerbung ausrechne, wenn sie das Test-Angebot ablehne?