"Österreich den Österreichern!" – ein bisschen zu oft steht das in diesem September auf Wahlplakaten rund um den Millstätter See. Meint Jörg Haider es wirklich ernst, will der Landeshauptmann seine ausländischen Urlauber düpieren? Das Fremdenrevier der Kärntner Seen würde sich ganz schön umschauen, wenn nun noch mehr Deutsche, Niederländer, Italiener oder Ungarn fortblieben nach ohnehin hochprozentigem Besucherrückgang während der letzten Jahrzehnte.

Auch am Millstätter See, Kärntens zweitgrößtem und tiefstem Gewässer, blieb man von dem Schwund nicht unberührt. Der See trägt daran gewiss zuletzt die Schuld. In der späten Saison, wenn sich die Buchen-, Eichen- und Erlenwälder an den nahezu unverbauten südlichen Gestaden allmählich in die rotbraune Palette tönen, gleitet man in flachen Booten ganz wunderbar weich hinaus auf trinkwasserklare Fluten. Buchtenwandern heißt die frühmorgendliche Unternehmung, bei welcher Gottlieb Strobl, Bootsbauer und Vermieter der blau gestrichenen Plätten, eine kleine Schar Ruderer gemächlich über den See führt. Jeweils zu zweit treibt man auf dem Wasserspiegel, leise ächzen die Ruder, sonst sind nur ein paar Schwäne unterwegs.

Rundherum schwaden noch Nebelfetzen vor den Hängen von Hochgosch, Mirnock und Millstätter Alpe, ein gedämpfter Glanz wie von altem Silber liegt über der verschwimmenden Randzone von Wasser und Land. Beeindrucktes Schweigen des Ruderergrüppchens, das sich erst an den menschenleeren Waldbuchten in ein paar Schreckensquietschern auflöst, als man unter tief hängenden Astbögen, durch totes Wurzelwerk im Wasser hindurchsteuern soll. Das Uferwasser leuchtet dunkeltürkis und ungetrübt bis auf den Grund, Zwergmuscheln haften an verrottenden Stämmen, ein bizarr geformter Rastbaum der Kormorane ist weißlich verkrustet von Exkrementen. Wildnisgefühle – kaum zu glauben, dass man in einer halben Stunde wieder am kurparkartigen Millstätter Schillerstrand anlanden wird, vor Seehotels, Kaffeeterrassen, Schnörkellaternen und Parkplätzen.

Am Bootsanleger strahlt kalkweiß die Villa Soravia von Coop Himmelb(l)au

Der Millstätter See, 13 Kilometer lang und bis zu 1,5 Kilometer breit, hat ein Doppelgesicht. An der südlichen Schattseite führt keine Straße, nur ein Wander- und Radweg entlang, ungestört wuchern die Mischwaldhänge, und kaum eine Handvoll Landhäuschen hat sich eingenistet. Das Nordufer dagegen ist weiträumig bebaut und erschlossen – als Idyllesucher kriegt man da erst mal ein langes Gesicht. Der Badeort Seeboden empfängt mit Sparmarkt und Lidl und zeigt sich, zumindest abseits der Uferzone, als eine recht formlose Ballung aus allösterreichischen touristischen Balkonfassaden, mit viel Durchgangsverkehr und kleinteiliger "Verhüttelung" hangaufwärts. Und Döbriach am Ostende ist gleich von vier Campingplätzen umzingelt. Dass der Millstätter See "das Juwel in Kärnten" sein soll, wie die Tourismusbroschüren neuerdings versprechen, ein Geheimtipp sinnlich-südlichen Erlebens, ganz anders als die Kärnten-Klischees vom etwas piefigen Familienurlaub, die man im Hinterkopf hat, erschließt sich dem ersten Augenschein nicht so ganz.

Immerhin hat der Hauptort Millstatt ein unverwechselbares historisches Gesicht, mit einigen Blessuren zwar, aber doch anziehend. An der Landzunge des Millstätter Spitz zum Beispiel, wo sich die Wasser weit öffnen, wo zwischen hohen Parkbäumen und spät blühenden Rosenrabatten einige liebenswürdige und exzentrische alte Villen stehen, hebt sich die Laune schnell. "Privatparkplatz Graf Tacoli" ist neben einem Wappen mit Dohle (tacola auf Italienisch) am Hoteleingang der donaumonarchisch gelben Seevilla zu lesen. Das venezianisch inspirierte, schlösschenartige Logis von 1884 und seine Dependance Altdeutsches Haus mit Holzloggien im altmodischen Ufergärtchen gehören sicherlich zu den charmantesten Unterkünften Millstatts. Seit fünf Generationen sind sie im Familienbesitz. Sommerfrische wie dereinst, die im südlich-warmen Kärnten bis in den Herbst hinein dauert, lässt sich hier erspüren: das Seelicht, das durch Bleiglasscheiben oder wehende Stores auf dunkle Türen und Täfelungen fällt, Wassergeruch auf hölzernen Stegen, knarzende Teppichstiegen, Lesezimmer mit Gobelins, Hofdamenporträts und Ahnentafeln, Souper auf der Kiesterrasse in Windlichtschein und lauer Nachtluft. Die Villen des 63-jährigen Grafen Tacoli, eines bedachten, witzigen und eigenwilligen Gastgebers, sind keine Quartiere des modernen Turbokomforts. Ihre etwas patinierte Noblesse ist bescheiden und zurückhaltend. Manche Stammgäste, auch eher gediegen als vom grellen Schlag, haben hier schon mit ihren Eltern und Großeltern Urlaub gemacht.

Ein Millstätter Villen-Rundgang führt zu anderen Relikten altösterreichischer Sommerfrische-Grandezza. Heute knallbunt flamboyant ausgestattet ist die Türmchenvilla Verdin, seit ein paar Jahren als liebevoll schräge Restaurant-Pension ein Riesenerfolg beim szenigeren Publikum. In der traditionsreichen Villa Waldheim mit ihrem altertümlichen Salon- und Paradebetten-Mobiliar geben die Gäste auf dem Bösendorfer-Flügel öfter Hauskonzerte. Regentage kann man in einer schön antiquierten, reichhaltigen Bibliothek verhocken. Am Bootsanleger dann strahlt einem kalkweiß die ultimative Moderne entgegen: Die dekonstruktivistische Villa Soravia von 2006, mit futuristischem Pavillon-Ausleger überm See, ist das einzige Privathaus, welches das berühmte Wiener Architektenteam Coop Himmelb(l)au in Österreich realisiert hat.