Deutschland fehle es an Eigenverantwortung und Leistungsbereitschaft, hat Otto Graf Lambsdorff gerade dem Publikum erklärt. Schlimm sei es, dass die meisten Deutschen immer noch mehr Sicherheit durch weniger Freiheit erkaufen wollten. Nun lauscht er mit genervtem Gesicht, wie sein Widersacher Ottmar Schreiner von der SPD den Sozialstaat alter Prägung verteidigt, diesen »wichtigsten Beitrag zur Stabilisierung der Demokratie«. Schreiner beruft sich sogar auf Ludwig Erhard, den wirtschaftsnahen Vater der sozialen Marktwirtschaft. Lambsdorff sagt nichts. Erst als der Sozialdemokrat auch noch höhere Erbschaftsteuern fordert, wacht er auf. »Was für eine merkwürdige Auffassung von sozialer Marktwirtschaft«, knurrt der Graf. »Mehr Steuern. Immer mehr Steuern.«

Schreiners Sätze und rhetorische Tricks sind nicht neuer als die des »Marktgrafen«. Und doch, er wirkt frischer. Das könnte daran liegen, dass dies nicht Lambsdorffs Tag ist. Tatsächlich aber ist es wohl nicht seine Zeit. »Weniger Staat, mehr Markt«: Mit solchen Forderungen hatte Graf Lambsdorff vor einem Vierteljahrhundert das Ende der sozialliberalen Koalition eingeläutet, noch in den Agenda-2010-Jahren der Schröder-Regierung bestimmten sie die politische Debatte, aber heute klingen sie merkwürdig fremd.

Umfragen zufolge misstraut eine wachsende Zahl der Bürger der Marktwirtschaft und will einen starken Staat. Heute verkündet Jürgen Rüttgers, seine CDU sei »nie eine Wirtschaftspartei« gewesen. Horst Seehofer (CSU) kritisiert die »Neoliberalen« als die wahren Reformgegner. Die SPD konkurriert mit der Linken ums soziale Image, und die Grünen wollen die Wohlhabenden mehr belasten. Neoliberalismus sei zum Schmähwort, zum Gottseibeiuns der neunziger Jahre mutiert, formuliert der Ex-Grüne und Neu-Christdemokrat Oswald Metzger.

Doch die Liberalen in Wirtschaft und Wissenschaft haben ja nicht einfach das Land verlassen. Nur: Wo sind sie, und was denken sie?

»Im Moment geht es uns Deutschen scheinbar zu gut«

»Wir überwintern, aber wir schlafen nicht«, sagt Michael Eilfort, der früher für Friedrich Merz arbeitete und damit für den größten Widersacher Angela Merkels in der CDU. Eilfort leitet nun in Berlin ein Institut namens Stiftung Marktwirtschaft und benutzt schon beim Mittagessen ohne Scham die klassischen Begriffe. »Eigenverantwortung, Wettbewerb und Freiheit« wolle er fördern, sagt er, sammelt dafür Geld und entwirft Projekte. Unumwunden gibt er zu, Schlagzeilen erzeugten seine Themen derzeit kaum.

Warum? Im Moment gehe es uns Deutschen scheinbar zu gut, erklärt Eilfort. Da sei das Verteilen von Geld für Politiker eben einfacher, als die Eigeninitiative von Bürgern zu stärken. Leute wie er, die das Wohl der Bürger eher durch den »Abbau staatlicher Entmündigung« gesichert sähen, hätten da in der öffentlichen Debatte wenige Chancen.