Früher waren Darstellungen zur Unternehmensgeschichte – vor allem in Form einer Jubiläums-Festschrift – manchmal eine unerquickliche und langweilige Lektüre. Oft als lineare Erfolgsgeschichte konzipiert, wimmelte es in ihnen von "Pionieren" und "genialen Unternehmerpersönlichkeiten". Die eigentlichen Voraussetzungen unternehmerischen Handelns, also die politischen, wirtschaftlichen, technologischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, wurden meist nur gestreift. Eine Ausnahme machten lediglich die Jahre des "Dritten Reiches". Sofern diese nicht gänzlich ausgespart blieben, gab es in den knappen Bemerkungen über diese Zeit keine handelnden Personen mehr, sondern nur noch anonyme Zwänge. Themen wie die "Arisierung" jüdischer Unternehmen oder die Zwangsarbeit waren in der Regel tabu.

Damit ist es glücklicherweise vorbei, wie nicht zuletzt die vorliegende Darstellung über die Geschichte der MAN eindrucksvoll unter Beweis stellt. Sie geht über eine reine Firmengeschichte hinaus und demonstriert beispielhaft die Möglichkeiten einer Unternehmensgeschichtsschreibung, wenn sich eine Firma dazu entschließt, ihre Geschichte durch ausgewiesene Wirtschaftshistoriker analysieren zu lassen.

Das Buch stellt alles andere als eine Spezialstudie für einen kleinen Kreis fachlich interessierter Spezialisten dar. Es ist für eine breite Leserschaft insofern von besonderem Reiz, als es einen tiefen Einblick in 250 Jahre deutscher Industriegeschichte von der frühen Neuzeit bis in die Gegenwart bietet. Die Anfänge der MAN, die heute als Hersteller von Nutzfahrzeugen und Motoren weltweit bekannt ist, reichen nämlich bis in das Jahr 1758 zurück. Der Konzern kann vor allem deswegen auf eine so ungewöhnlich lange Geschichte zurückblicken, weil er seine Unternehmensstruktur und seine Produktion permanent veränderte und auf neue Herausforderungen sehr flexibel reagierte.

Die Gesamtgeschichte der MAN besteht im Wesentlichen aus einem rheinischen und einem bayerischen Entwicklungsstrang, die sich erst 1920/21 in einem Konzern verflochten. Der rheinische Teil der Firmengeschichte wird durch die Gutehoffnungshütte (GHH) mit Sitz in Oberhausen repräsentiert, die zunächst lokale Erze verhüttete und Gusswaren herstellte, dann aber zu einem der bedeutendsten schwerindustriellen Konzerne des Ruhrgebiets anwuchs, der zahlreiche Montanbetriebe unterhielt. Vor allem jedoch avancierte er durch die Produktion von Eisenbahnschienen und Maschinen aller Art zu einem "Ausrüster der deutschen Industrialisierung", wie Ralf Banken treffend bemerkt.

Die bayerische Entwicklung beginnt 1840/41 mit der Gründung zweier Maschinenfabriken in Augsburg und Nürnberg, die später zur MAN fusionierten und sich zu einem der erfolgreichsten Unternehmen des deutschen Maschinenbaus entwickelten. Ausschlaggebend für dieses Wachstum war die Fähigkeit der MAN, im engen Kontakt mit Wissenschaft und Universitäten technologische Innovationen aufzugreifen und in überzeugende Produktlinien umzusetzen: Dazu gehörten unter anderem die Rotationsdruckmaschine und der Offsetdruck, die "Kältemaschine" des Carl von Linde und besonders der Wärmekraftmotor Rudolf Diesels, der 1897 von der MAN erstmals als Versuchsmotor produziert und seitdem ständig weiterentwickelt wurde. Auch im Stahlhochbau zählte die MAN zur internationalen Spitze und profilierte sich mit kühnen Brückenkonstruktionen oder beim Bau der Wuppertaler Schwebebahn, deren Träger sie lieferte.

Im Ersten Weltkrieg begann die MAN zudem mit der Produktion von Lastkraftwagen, die seitdem ihr Firmenprofil maßgeblich bestimmte. Im Jahre 1920/21 wurde die MAN schließlich in den GHH-Konzern eingegliedert, der auf diese Weise sein Profil als "vertikaler Konzern" weiterentwickelte, das heißt als Unternehmen mit einer breiten Palette von Produkten, die zu einer besonderen Krisenfestigkeit des Konzerns beitrugen.

Bewerkstelligt hatte die Fusion eine der schillerndsten Gestalten der deutschen Schwerindustrie, nämlich Paul Reusch, dem das Buch zu Recht größere Aufmerksamkeit widmet. Reusch gehörte als einflussreicher Verbandssprecher der Schwerindustrie zu den "prominentesten Vertretern der antidemokratischen Sammlungsbewegungen" gegen die Weimarer Republik, wie es Johannes Bähr in wohltuender Offenheit formuliert. Zudem profilierte sich Reusch als reaktionärer Vertreter eines "Herr im Hause"-Standpunktes und verschworener Gegner der Gewerkschaften.